Legerete contra Deutsche Reitlehre

Philippe Karl gegen Gerd Heuschmann – Der Légèreté-Streit und seine philosophische Bedeutung Teil 1

Legerete contra Deutsche Reitlehre

Heute möchte ich wieder einen Gastartikel veröffentlichen, den ich selbst sehr spannend finde. Der Autor Matthias Majors beschäftigt sich in seinem Text mit den Unterschieden zwischen der deutschen und der französischen Reittradition (Légèreté). Als Aufhänger dient der Streit zwischen Philippe Karl und Gerd Heuschmann aus dem Jahr 2010, der in dem Artikel noch einmal kurz zusammengefasst wird. Ich habe diesen Konflikt damals verfolgt und fand es sehr schade, dass der Gedankenaustausch zwischen diesen beiden kompetenten Fachleuten danach abgebrochen wurde – es hätte für beide Richtungen sicher viel positives entstehen können, wenn statt persönlicher Eitelkeiten das Interesse am Austausch und der eigenen Weiterentwicklung im Vordergrund gestanden hätten.

Ich stimme mit den Positionen von Matthias Majors nicht in allen Punkten überein – seine Ansichten zum „über den Rücken reiten“ in der deutschen Reitlehre finde ich zumindest diskussionswürdig. Wer schon einmal auf einem Pferd gesessen hat, das den Rücken aufwölbt und dabei locker und schwungvoll vorwärts geht, wird seine Theorie von der verkrampften Brücke wahrscheinlich mit mir anzweifeln. Dennoch finde ich seine Ausführungen so interessant und anregend, dass ich den Artikel gerne empfehlen und vor allem sehr gerne mit euch diskutieren würde. (Wem der studierte Philosoph stellenweise zu philosophisch wird, dem empfehle ich, trotzdem weiter zu lesen – es wird dann auch wieder „praktisch“). Da der Artikel sehr lang ist, werde ich ihn in zwei Teilen veröffentlichen – viel Spaß beim Lesen!

Polemischer Auftakt

Es kommt heute nur noch selten vor, dass man/frau Zeuge einer ästhetischen Auseinandersetzung werden darf, die in ihrem Wesen prinzipiellen Charakter hat. Zwar ist der sogenannte Légèreté-Streit von 2010, nicht wirklich wichtig für den Lauf der Welt, sondern nur ein Scharmützel auf dem Schlachtfeld einer gehobenen Sportart, aber dennoch berührt er eine nicht abgeschlossene Diskussion, die für das Leben der Menschen auf diesem Planeten ggf. von erheblicher Bedeutung ist. Die Diskussion, die ich meine, wird im Allgemeinen nicht wirklich offen geführt. Sie schwelt im Hintergrund, sie findet in der Tiefenstruktur der Aussagen statt, sie bezieht sich auf Lebensentwürfe und deren „Grammatik“, d.i. deren Entfaltung von Bedeutung innerhalb unseres Sprechens. Es ist die Diskussion darum, wie man nun leben sollte: Orientiert an Begriffen wie Leistung, Kraft, Anstrengung, Verdienst, Ernst, Arbeit oder eher doch Leichtigkeit, Schönheit, Freude, Spaß, Spiel. Es ist die Diskussion, der es um die vermeintliche Entscheidung geht, wie man besser auf die existentielle Grundsituation unseres Lebens – die Notwendigkeit zu Überleben – reagiert: durch den Sport/die Arbeit oder die Kunst/das Spiel.
Es ist viel Polemik in diesen ersten Worten, aber ich will ja, dass Sie neugierig darauf werden weiter zu erfahren, was genau ich da im Sinn habe. Um das darzustellen, wenden wir uns dem Reiten und dem Légèreté-Streit genauer zu:
Ursprünglich ausgelöst in einem engeren Sinne wurde dieser Streit durch Philippe Karls Buch Irrwege der modernen Dressur von 2006. Dem Buch folgte zunächst 2008 die offene Auseinandersetzung zwischen Karl und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), damals vertreten durch ihren Chef-Ausbilder Christoff Hess, im auch auf Video erschienenen Streitgespräch ‚Klassisch contra Classique‘ und dann 2009 die gemeinsame Veranstaltung von Karl und dem Tierarzt Dr. Gerd Heuschmann in Verden an der Aller. Diese Veranstaltung trieb die Auseinandersetzung 2010 im offen diskutierten Bruch zwischen Karl und Heuschmann auf den Höhepunkt: Ein in der damals noch existierenden Pferdezeitschrift Pegasus erschienener Artikel von Gerd Heuschmann mit dem Titel „Vergesst Eure Hände“, die ihm folgende Gegendarstellung Karls auf seiner Webseite, die Leserbriefe und Gegenartikel zu Heuschmanns Text in der Pegasus, eine nicht enden wollende Diskussion auf der Gästebuchseite der Hompage Gerd Heuschmanns und eine mehr oder minder voll dem Thema zuschreibare Ausgabe der „Heuschmann-nahen“ Zeitschrift Piaffe, beendeten die Zusammenarbeit Karl-Heuschmann, aber auch die offene Diskussion um die Légèreté. Seit dem ist es still geworden. Die FN sieht Karl nicht mehr als Gegner und dieser schweigt sich aus, trainiert seine eigenen Schüler, schaltet sich aber nicht mehr aktiv in die deutsche Reitdebatte ein. Wieder einmal so scheint es – Sie verzeihen den Vergleich – hat ein Franzose mit der Aufklärung im Gepäck den Rhein überschritten und muss sich dann doch geschlagen zurückziehen und anderen Orts offene Ohren suchen. Ich will hier – um in der historischen Analogie zu bleiben – für ein paar Seiten der deutsche Heine sein, der ihm nachgeht um noch einmal zu hören, was er sagte und ggf. einige seiner uns hingeworfenen Perlen zu retten.

Doch genug der blumigen Worte. Worum eigentlich ging es und warum ist das wichtig für die Philosophie? Ich will versuchen die Diskussion zweier Reittraditionen so nachzuzeichnen, dass auch der Nicht-Reiter sie versteht. Dabei sei vorgewarnt, dass ich mich in meiner Darstellung, vor allem der Axiome der deutschen Dressur – sie entspricht einer der beiden Reittraditionen -, nicht unbedingt an die offiziellen Beschreibungen halten werde, sondern hier meine Interpretation z.B. der deutschen Reitlehre wiedergebe. Damit wird es zwar möglich, sich meinen Überlegungen durch den Hinweis auf ihr Abweichen von den offiziellen „Statements“ der jeweiligen Reitweisen zu entziehen, jedoch bliebe die Diskussion zu führen, ob das offiziell Beschriebene in seiner Konsequenz tatsächlich andere Schlüsse als die hier dargestellten zulässt.

Das Reiten beginnt, wenn ein Mensch sich auf den Rücken eines Pferdes setzt. Das Pferd, dass sich bis dahin, nur seinem eigenen Gewicht und seinem eigenen Verhalten verpflichtet, völlig natürlich bewegen konnte, wird nun mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert: Seine Bewegungen werden gestört vom Gewicht des Reiters einerseits und vom Verhalten desselben Reiters andererseits. Beim Reiten in einem engeren Sinne geht es deshalb um die Frage, wie die Auswirkungen dieser doppelten Störung des Pferdes durch den Reiter so behoben werden können, dass das Pferd auch unter dem Reiter zu einer Natürlichkeit der Bewegung findet, die seiner ursprünglichen Bewegungsnatürlichkeit angemessen und adäquat ist. Erst wenn dieses erste fundamentale Ziel erreicht ist, beginnt das Reiten als ästhetische Tätigkeit, in der es darüber hinaus um bestimmte Bewegungsfiguren von Pferd und Reiter geht, die wir auf der Basis unserer Kulturhistorie als schön empfinden, die aber auch gymnastischen Wert für das Pferd haben.

Reiten startet also mit einem „Sündenfall“ und endet, idealiter im „Paradies“: Eine ursprüngliche Natürlichkeit geht verloren und muss neu gefunden werden. Wie das nun so ist mit uns Menschen, fällt uns auf dieses „religiöse“ Problem nicht nur eine, sondern fallen uns mehrere Antworten ein, wobei diese miteinander nicht unbedingt kompatibel sein müssen und realiter nicht sind.

Spannungsbogen und Kraftkreis: Die deutsche Reittradition 

In Deutschland hat sich mit der preußischen Militärreiterei eine Antwort auf die Frage, wie denn nun Pferde geritten werden müssen, damit sie auch unter dem Reiter zu einem zielführenden Bewegungsvermögen finden, herausgebildet, die dann später auch die Reitauffassung im modernen Dressursport bestimmte und bis heute zu weiten Teilen bestimmt. Die Idee der Deutschen scheint simpel: Wenn der Reiter sich auf den Rücken des Pferdes setzt, dann sitzt er zwischen Hinterhand und Vorhand des Pferdes, also genau in dem Bereich, in dem das Pferd keine stützende Verbindung mit dem Boden hat. Die zwischen Schulter und Becken hängende Wirbelsäule wird so nach unten gedrückt und es entsteht im ersten Moment ein „Hohlkreuz“, bzw. ein durchgedrückter Rücken. Um dieses Hohlkreuz auszugleichen, hat das Pferd nach der deutschen Logik nur eine Chance: Es muss seinem Rücken Energie so zuführen, dass sich die Wirbelsäule wieder anhebt und eine Brücke entsteht, die den Reiter trägt. Da sich das Pferd unter dem Reiter und mit ihm frei bewegen können soll, darf diese Brücke nicht steif oder verkrampft sein, sondern muss sie schwingen, Bewegung zulassen. Das Ideal der deutschen Reittradition ist deshalb der schwingende Rücken, der gleichwohl einen Spannungsbogen zwischen Hinter- und Vorhand des Pferdes erzeugt. So logisch die Idee bis hierhin klingt, so muss jetzt schon festgehalten werden, dass sich die Idee vermehrte Spannung aufzubauen mit dem Wunsch nach Flexibilität zumindest ein stückweit widerspricht: Irgendein Spannungsaufbau in einer biomechanischen Struktur geht immer mit einem Verlust an Beweglichkeit der entsprechenden Struktur einher. Umso mehr Spannung aufgebaut wird, umso mehr geht Beweglichkeit verloren. Spannen Sie mal Ihren Bizeps an und versuchen Sie mit angespannten Bizeps Ihren Arm locker von rechts nach links zu schwingen und Sie wissen, was gemeint ist. Natürlich ist auch der Zustand des Pferdes ohne Reiter nicht spannungsfrei. Aber die Grundspannung des Pferdes ohne Reiter entspricht seiner evolutionären biomechanischen Entwicklung, d.h. Sie ist so bemessen, dass Sie die Weite der Bewegung, die für das Pferd in seinem natürlichen Lebensraum notwendig ist zulässt. Darüber hinaus muss festgehalten werden, dass ein Anheben des Rückens, wie es die deutsche Reitauffassung fordert nur durch eine vermehrte Anspannung der Bauchmuskultur – eine aktive Verkürzung der Körpervorderseite – des Pferdes bewerkstelligt werden kann. Auch das können Sie am eigenen Körper problemlos nachvollziehen: Stellen Sie sich mit dem Rücken an eine Wand und bemühen Sie sich ihren ganzen Rücken an die Wand zu drücken. Sie werden die vordere Rumpfmuskulatur – Bauch und Brustmuskeln – aktivieren müssen um dies zu bewerkstelligen. Nun haben Pferde, wie wir auch, gerade und querliegende Anteile der Bauchmuskulatur. Die quer über den Rumpf laufenden Bauchmuskeln sind von der Natur so angelegt, dass sie Rotationsbewegungen bzw. Spiralbewegungen vollziehen helfen. Ob beim Menschen oder beim Pferd: In der Diagonalen Gangart (z.B. im Trab) spannt sich die quer-verlaufende Rumpfmuskulatur so wechselseitig an, dass es zu einer je halben Rotation um die zentrale Körperachse – beim Menschen ist diese vertikal gegen die Schwerkraft gelagert, beim Vierbeiner Pferd horizontal – kommt. Das Anheben des Rückens wird demgegenüber von den Beugemuskeln, den gerade-verlaufenden Bauchmuskeln bewerkstelligt. Deren Anspannen widerspricht aber zu einem Teil der für das diagonale Gehen notwendigen rotierenden Tätigkeit der quer-verlaufenden Rumpfmuskeln. Das deutsche Reiten muss deshalb den Kompromiss suchen und versuchen eine Balance herzustellen zwischen diesen beiden sich widersprechenden Muskeltätigkeiten. Er muss so gestaltet sein, dass das Pferd zwar den Rücken anhebt, also die gerade-verlaufende Bauchmuskulatur anspannt, aber dennoch weiter die Bewegung der quer-verlaufenden Bauchmuskulatur zulässt. Das diese Balance zu finden und nicht zu verlieren, wo zwar ggf. nicht unmöglich, eine extrem schwierige Sache ist, kann sich wiederum klarmachen, wer – das vorherige Experiment mit dem an die Wand gedrückten Rücken im Kopf – versucht so zu gehen, dass er zwar mit Hilfe der Bauchmuskulatur den Rücken wölbt, aber gleichzeitig möglichst frei und locker, Beine und Arme diagonal miteinander bewegend nach vorne geht. Mit einiger Übung mögen wir immer besser darin werden dieses Kunststück zu vollführen, aber richtig leicht und wie von selbst, wird es nicht gehen. Nun gut. Ggf. ist das der Preis, den das Pferd und wir dafür zahlen müssen, dass wir Reiten wollen. Nur die Brücke im Rücken des Pferdes kann eben den Reiter tragen helfen.

Wie bewerkstelligt aber der deutsche Reiter das Zustandekommen dieser „Harmonie“? Es war Gustav Steinbrecht, der in seinem Gymnasium des Pferdes die Idee des ‚Vorwärts‘ prägte, die für die deutsche Reiterei bis heute zentral ist. Demnach muss das Pferd „vor dem Schenkel“ des Reiters sein, was nichts anderes heißt, als dass das Pferd mit einem deutlichen Energieschub aus der Hinterhand den treibenden Einwirkungen des Reiters mit den Beinen folgt. Das alleine reicht aber nicht. Denn ein energisch nach vorne laufendes Pferd aktiviert wesentlich die quere Rumpfmuskulatur, wird schneller und dehnt sich bei hochgetragenem Kopf in Richtung seiner horizontalen Zentralachse. So entsteht also keine Brücke, kein Spannungsbogen, der den Reiter trägt. Um gleichzeitig die gerade Bauchmuskulatur zur rückenhebenden Arbeit anzuregen, muss der Reiter nun zwei Dinge tun: Zum einen muss er dauerhaft mit dem Schenkel einwirken, d.h. auch dann weitertreiben, wenn das Pferd schon vorwärts geht. Das deshalb, weil die treibende Einwirkung mit dem Schenkel auf dem Rumpf, die Bauchmuskulatur anspannen hilft. Probieren sie es bei sich aus: Drücken Sie mit der Faust beim Gehen in Ihren Bauch. Spüren Sie, wie Sie die Bauchmuskulatur aktivieren? Zum anderen muss der Reiter auch dafür Sorge tragen, dass das Pferd sich nicht einfach nur in Richtung seiner Zentralachse dehnt und die hinten zugeführte Energie vorne wieder verliert. Er wird also versuchen müssen das Pferd ebenso dauerhaft wie er hinten treibt vorne zu halten, um so einen Teil der in die Vorwärtsbewegung abgegebenen Energie wieder einzufangen und nach hinten, bzw. idealiter nach oben um zu lenken. Nur so kann eine Brücke entstehen, wenn Brücke heißt, dass eine auf zwei Pfeilern ruhende Verbindung von einer Spannung getragen wird, die gleichmäßig von beiden Pfeilern ausgeht.1 Ja, für eine wahre Brücke muss die Kraft, die jeweils von den Pfeilern ausgeht gleichgroß sein, was hieße, dass der Reiter also vorne ebenso viel Energie abfangen und nach hinten umleiten muss, wie er hinten zuführt. Dann freilich – und so reitet man nach der deutschen Reitlehre eine Piaffe – würde sich das Pferd auf der Stelle bewegen. 

In der Vorwärtsbewegung ist die Brücke also nie optimal, da immer so viel Energie vorne „rausgelassen“ werden muss, wie ich für die gewünschte Vorwärtsbewegung brauche. Wie fängt der Reiter aber vorne die Energie ab, so dass sich das Pferd nicht einfach nur nach vorne streckt und alle Energie aus der Hinterhand in Richtung seiner Bewegung ableitet? Es sind die Zügel, die der Reiter so einsetzt, dass sich an ihnen die Vorwärtsenergie fängt, fokussiert und zum Teil so bricht, dass sie wieder nach hinten zurück wirkt, um den Rücken des Pferdes zu heben. Dabei wirkt der Reiter idealiter nicht aktiv mit den Händen nach hinten ein, sondern lässt seine Hände soweit die Verbindung zum Pferdemal suchen, dass das Pferd schließlich von selbst „an den Zügel tritt“. Die Metapher soll sagen: Das Pferd akzeptiert willig den Rahmen aus Schenkel – Energieschub nach vorne – und Hand/Zügel – Energiefang mit teilweise Umlenkung der Energie nach hinten und findet die angesprochene Balance zwischen gleichzeitiger Aktivität der quer-verlaufenden und der gerade-verlaufenden Rumpfmuskulatur. Jetzt trägt das Pferd den Reiter in einer ersten Situation von Versammlung. Die weitere Versammlung des Pferdes bedeutet dann die Spannung des Spannungsbogens zu erhöhen und vermehrt Vorwärtsenergie nach hinten umzuleiten, so dass das, was das Pferd in der Bewegung nach vorne verliert, mehr und mehr in eine Bewegung nach oben eingeht. Entscheidend aus deutscher Sicht sind dabei die beiden Energieumlenkungspunkte Genick und Becken: Der Spannungsbogen im Rücken des Pferdes manifestiert sich in einer Öffnung des Okzipital-Gelenks einerseits – das Pferd löst die vordere Nackenmuskulatur und gibt im Genick nach – und dem Abkippen des Beckens andererseits – das vermehrte Untertreten der vorschwingen Hinterbeine, verbunden mit einer größeren Beugung der Hanken, führt zu einer Bewegung des Beckens nach hinten-unten-vorne. Letztendlich entsteht so im Ideal ein Kreis, der freilich realiter nicht einzuholen ist, dem der Reiter aber in der Piaffe am nächsten kommt: Die Energie zirkuliert über die Umlenkungspunkte Genick und Becken frei von hinten nach vorne und von vorne nach hinten, wobei der Kreis durch die Energierichtung hinten-unten-vorne im Becken und Oben-Hinten-Unten im Genick entsteht. Dabei überschneidet sich in den Darstellungen zum Thema etwas konfus die Idee des Spannungsbogens im Rücken mit der Idee der Aufrichtung. Denn das Ziel der deutschen Reiter ist es einerseits die Hinterhand-Energie des Pferdes zum Aufwölben des Pferderückens zu nutzen. In dieser Bewegung wäre theoretisch der mittlere Rücken höchster Punkt der Bewegung. 

Andererseits folgen die deutschen Reiter aber auch dem Ideal der alten Schule, nach dem das Pferd durch ein vermehrtes Untertreten der Hinterhand (Hankenbeugung) zur Aufrichtung der Vorhand veranlasst werden soll. In dieser Bewegung wäre dann aber die Schulter, bzw. das Genick der höchste Punkt der Bewegung und die Kraftlinie kein Bogen, keine Brücke mehr, sondern eine Gerade, die sich von hinten unten nach vorne oben durch den Pferdekörper zöge. Die beiden Ideen widersprechen sich also und dieser Widerspruch hat seine Wurzel u.a. in der Verwechslung von Versammlung – das war es, was die alte Schule anstrebte, wenn Sie die Pferde in der Bewegung fast auf der Stelle sich bewegend auf die Hinterhand setzte – und Vorwärtsreiten. Versammlung (gerade Kraftlinie) und Vorwärtsreiten (gebogene Kraftlinie), so behaupte ich, sind nicht einfach kompatibel. Wer sich Bilder von Piaffen von internationalen Dressur-Turnieren anguckt, mag mir recht geben. Die neue „klassische“ Piaffe entspricht einer Bogenbewegung auf der Stelle: Die Hinterhand tritt unter, aber ebenso die Vorhand. Die Pferde erzeugen einen Spannungsbogen, eine Rückenbrücke auf der Stelle, heben sich aber nicht in der Vorhand, sondern leiten die Bewegungsenergie vorne in Richtung unten-hinten ab. Charakteristisch für diese Bogen-auf-der-Stelle-Piaffe, ist die deutliche Einstellung des Pferdes hinter der Senkrechten. 

Ich bitte erneut zum Selbstversuch: Stellen Sie sich in den Raum und kippen Sie ihr Becken ab. Strecken Sie dann Ihren Kopf aus dem Scheitel heraus nach vorne-oben. Tatsächlich wird sich die S-Kurve in Ihrer Wirbelsäule ein Stück weit in Richtung einer C-Kurve aufwölben, das entspricht der Idee der Brücke, des Spannungsbogens. Gehen Sie nun so durch den Raum. Wie entspannt fühlt sich das an? Laufen Sie los und behalten Sie dabei unter allen Umständen die Öffnung im Kopf nach Vorne-oben und das Abkippen im Becken nach hinten-unten bei. Wie leicht fällt Ihnen das? Wie angenehm ist Ihnen das Ganze? Welche Muskeln müssen Sie verstärkt anspannen um sich so zu bewegen? Was passiert mit Ihrer Durchblutung, dem Sauerstoffgehalt in Ihrem Körper? Fällt es Ihnen leicht so zu atmen? 

Sie merken es längst. So logisch die Idee der Deutschen Reiterei klingt und so schön uns der Energiekreis als Bild anmuten mag – ich halte wenig, bis nichts davon. Ja, es mag sein, dass sich einige Pferde so reiten lassen. Pferde eben, die körperlich so talentiert sind, dass Ihnen diese Art des Energiekreises nichts ausmacht. Aber stellen Sie sich ein junges, wenig talentiertes Pferd vor. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Ihr eigenes Kind angewiesen das Gehen in dieser Art und Weise zu erlernen. Was hätten Sie auf Dauer erzeugt? Wohl nicht weniger als einen verspannten Bewegungskrüppel… 

Wenn die Idee aber so schön klingt, wo liegt Ihr Fehler? Nun, der Fehler liegt beim Übersehen einer fundamentalen Tatsache: Bewegung beruht auf Entspannung von Muskulatur, nicht auf Ihrer Anspannung. Das mag im ersten Moment nicht logisch klingen, aber rufen Sie sich folgendes in Erinnerung: Das Menschenbaby ist wenn es auf die Welt kommt sehr wenig entspannt. Im Gegenteil, seine Haltung ist sehr gekrümmt und verspannt. Erst nach und nach lernt es einzelne Muskeln zu aktivieren und sich mehr und mehr zu strecken. Dabei ist die Entspannung einer Zone immer die Voraussetzung einer folgenden Bewegung durch momentane Anspannung eines Muskels. Sie können das auch praktisch ausprobieren. Legen Sie sich auf den Rücken und spannen sie mit aller Kraft den Bauch an. Versuchen Sie nun sich nach links oder rechts zu rollen. Es wird kaum gehen. Lösen sie die Spannung und rollen Sie dann – es geht problemlos. Die Entspannung Ihrer Bauchmuskulatur hat Ihnen allererst ermöglicht die für die Bewegung notwendigen Muskeln – es sind wieder die spiralförmig angelegten Rumpfmuskeln – zu bewegen. Aktive Bewegung – Handeln, wie wir sagen – besteht also aus der momentanen Aktivierung einer ansonsten, nicht völlig entspannten, aber sich in einer Ruhespannung befindenden Muskulatur. Die aktive Anspannung erfolgt dabei immer nur solange und in dem Ausmaß, wie es die jeweilige Handlung braucht. Das ist das Prinzip effizienter Bewegung. Dauerkontraktion von aktiver Muskulatur – und nichts anderes heißt es, wenn man eine Brücke im Rücken durch die Kontraktion der Bauchmuskulatur bildet – führt hingegen schnell zur Ermüdung der beteiligten Muskeln und zu einer Übersäuerung des Körpers, ist schlechterdings wenig effizient. 

Das Problem der Kreisidee, der die deutsche Reiterei aufliegt, ist mithin, dass Sie ein Schließen der kinematischen Muskelkette des Pferdes bewirkt. Sie ist ein Zirkulieren von Kraft, nicht ein Fluss von Bewegung. Das mag ein Pferd mit entsprechendem Gebäude aushalten können, aber ganz prinzipiell werden Pferde bei dieser Art zu reiten gegen ihren Körper reiten und sich schaden müssen. Übrigens genauso der Mensch: Es ist ein Ammenmärchen, dass Sportler, die durch Krafttraining aktiv ihre großen Bewegungsmuskeln stärken besser vor Rückenschmerzen gefeit sind als nicht-Sporttreibende. Tatsächlich haben einige bekannte Spitzensportler – z.B. Vitali Klitschko – Ihrem Körper so geschadet, dass Sie an erheblichen chronischen Schmerzproblemen leiden. Umgekehrt wissen wir, dass z.B. die schmächtigen Yogis, völlig ohne jeglichen Einsatz zusätzlicher Kraft, rein durch eine erhöhte Schulung der Flexibilität und Stabilität ihres Körpers, selten an Rückenschmerzen leiden… Warum sollte das nicht auch beim Pferd gelten und möglich sein? Warum sollte einer geschlossenen kinematischen Kraftkette, wie sie die deutsche Reiterei propagiert, nicht eine offene Bewegungskette, die auf Flexibilität und Stabilität beruht gegenübergestellt werden können? Nun, sie kann es. Diese Art zu reiten aber ist die Art von der Philippe Karl spricht. Es ist die französische Art zu Reiten, die Tradition des Reitens in Légèreté.

1 Eine Ausnahme von diesem Verfahren stellt jedoch die Dehnungshaltung, das nach vorne-abwärts Reiten des jungen Pferdes dar: Hier erlaubt der Reiter dem Pferd ganz bewusst seine Bewegungsenergie nach vorne-unten zu verlieren, damit das junge Pferd unter dem Reiter allererst zu psychischer Losgelassenheit und Balance findet. Die Dehnungshaltung ist in der deutschen Reiterei aber nur eine vorübergehende Positionierung. Der Reiter wird schließlich versuchen müssen, die von hinten zugeführte Energie immer mehr vorne abzufangen und das Pferd aus der Energie-Linie nach vorne-unten in eine Energielinie nach vorne oben (Aufrichtung der Vorhand) zu verlegen.

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3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Bild spricht doch für sich ! Was soll dazu noch gesagt werden. So reitet man nicht. So reiten aber viele Menschen. Andres zu reiten oder sich auf etwas anderes einzulassen – im Sinne des Pferdes ist dazu eine Grundvoraussetzung.

  2. Hallo Christiane, vielen Dank für deinen Kommentar! Magst du vielleicht deine Meinung zu dem Bild noch etwas genauer ausführen, was genau dich daran stört? Das würde mich interessieren – und auch, was du ansonsten zu dem Artikel meinst. Viele Grüße

  3. Pingback: Légèreté contra Deutsche Reitlehre Teil 2 | Pferdialog

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