Legerete contra Deutsche Reitlehre

Philippe Karl gegen Gerd Heuschmann – Der Légèreté-Streit und seine philosophische Bedeutung Teil 2

Legerete contra Deutsche Reitlehre

Neuromuskuläre Mobilisation beim Menschen: Feldenkrais-Methode und Alexander-Technik 

Bevor wir uns dem Reiten in Légèreté zuwenden, möchte ich eine Brücke schlagen. Das Beispiel Yoga zeigt, dass Flexibilität und Stabilität eine Grundvoraussetzung schmerzfreier Bewegung beim Menschen sind. Die meisten Rückenschmerzen, die Menschen haben, beruhen auf falsch eingesetzter, chronisch verspannter Muskulatur. Sie haben mithin Ihren Ausgangspunkt in Fehlhaltungen, die ca. ab dem dritten Lebensjahr des Kindes Einzug halten und die wesentlich mit unserem kulturell anerzogenen Sitzverhalten zu tun haben. Sitzen in einer Couch oder selbst nur auf einem Stuhl, wie wir es uns selbst und unseren Kindern über mehrere Stunden am Tag abverlangen ist eine völlig unnatürliche Form der menschlichen „Bewegung“ gegen die Schwerkraft. Im Gehen, im Hocken, im Liegen und auch in einigen Formen des Sitzens (z.B. mit ausgestreckt gewinkelten Beinen am Boden), hat unser Körper die Möglichkeit in seinen Schwerpunkt/in sein Lot gegen die Schwerkraft zu fallen. Dieses Fallen aber aktiviert die kinematische Kette unserer autochonen Muskulatur, also jener evolutionsgeschichtlich älteren Muskulaturanteile, die wir nicht willentlich bewegen können, die aber wesentlich für die Stabilität unseres Körpers gegen die Schwerkraft zuständig sind. Das Sitzen in der Couch entspricht nun einer anderen Art des Fallens: Dem Fallen nach hinten. Unser Schwerpunkt verlässt dabei unsere Stützbasis und es kommt zu einer Situation völliger Dysbalance. Aus diesem Extrem-Ungleichgewicht können wir uns nun nur wieder befreien, wenn wir uns mit Hilfe von Kraft, und d.h. unserer aktiven, dem Willen unterstellten Bewegungs- oder Handlungsmuskulatur, aus der dysbalancierten Position – z.B. der Lage in der Couch – wieder „herausziehen“. Umso öfter wir das machen, umso mehr trainieren wir unsere Bewegungsmuskeln und erzeugen Fehlhaltungen, die letztlich auch im Stand, im Gehen etc. bestehen bleiben. Nun beginnt ein Teufelskreislauf: Wir können nämlich plötzlich nicht mehr im Lot mit der Schwerkraft stehen – aufgrund der Fehlhaltungen – und müssen auch jetzt wieder die aktive Muskulatur einsetzen um nicht umzufallen. Mehr und mehr Stabilisieren wir unseren Körper über die aktiven Muskeln und immer weniger über die autochone Muskulatur. Da der Prozess nicht bewusst abläuft, etablieren wir nicht-effiziente Bewegungsgewohnheiten ohne es zu merken. Es sind diese Bewegungsgewohnheiten, die auf Dauer zur Überlastung einzelner Strukturen führen und so z.B. Rückenschmerzen entstehen lassen. Leider folgen wir, sobald wir Rückenschmerzen haben oft dem Dogma, das unsere aktive Muskulatur zu schwach ist um uns zu halten und das deswegen die Rückenschmerzen entstehen. Wir trainieren dann Sit-Ups oder arbeiten an Geräten um unsere aktiven Muskeln zu stärken. Was wir dabei aber wirklich stärken, sind die Fehlhaltungen, die allererst unsere Probleme erzeugt haben. Chronische Schmerzkreisläufe entstehen so, die kaum noch zu durchbrechen sind. Seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert sind jedoch einige Bewegungstherapien entstanden, die ein anderes Vorgehen vorschlagen. Sie setzen bei der Idee an, dass nicht-effizientes Bewegungsverhalten durch ein Neu-Erlernen von effizientem Bewegungsverhalten ersetzt werden muss. Zwei dieser „Methoden“ sind die Alexandertechnik und die Feldenkrais-Methode. Dort wo Alexander wesentlich unser Verhalten in Basisbewegungen wie Stehen, Sitzen, Gehen untersucht und durch bewusste Anweisungen an uns selbst ein Korrekturverhalten einzuleiten trachtet, arbeitet Feldenkrais vor allem mit dem Spiel der Elemente unseres Körpersystems: Körperteile werden einzeln, nach- und schließlich miteinander so bewegt, dass der Sitz unseres Bewegungsvermögens, das Gehirn, neuronal affiziert wird und Bewegungen neu lernt. Die sprachliche Begleitung der Bewegungen schließt dabei die Lücke zwischen unbewusstem und bewusstem Verhalten. Beiden Methoden gemein ist, dass Sie nicht über Kraft operieren, sondern über eine möglichst sanfte und sensible Mobilisierung des Körpers. Langsamkeit und Aufmerksamkeit geht dabei vor Tempo und Bewegungsausmaß. Gleichzeitig beschäftigen sich beide mit dem Verhältnis des Körpers zur Schwerkraft und suchen die Bahn der effizienten Bewegung, die so mühelos abläuft, dass sie an jedem Punkt umkehrbar bleibt und Spontanität zulässt. Vorgefasste Haltungsideen, ästhetische Ansprüche werden dabei möglichst außen vorgelassen, da sie ein nicht-effizientes Eingreifen von aktiver Muskulatur in die Bewegungen bedeuten. Nach und nach kann so die autochone Muskulatur Ausgangspunkt von unseren Bewegungen, den einzelnen Handlungen des Menschen via der aktiven Muskulatur werden. Nun werden Bewegungen insgesamt leichter, freier und die allgemeine Haltung verbessert sich in einem neugefundenen Einklang mit der Schwerkraft. Dass das z.B. bei der Alexander-Technik funktioniert und gegen Rückenschmerzen hilft, haben unlängst Untersuchungen in Groß-Britannien gezeigt.

Diese neuromuskulären Mobilisations-Methoden – Feldenkrais und Alexander-Technik – sind also jenen Methoden, die via Kraft den menschlichen Körper beeinflussen, überlegen. Sie sind kein Sport und führen doch zu Ergebnissen, die eine Beweglichkeit und Stabilität des Körpers erzeugen, von der wir normalerweise meinen, dass man für diese „durchtrainiert“ sein müsste. Ganz ohne Schwitzen, ohne Dehnungen bis zum Schmerzpunkt oder Krafttraining bis zum Muskelkater, können wir unseren Körper auf diese Weisen höchsteffizient „gymnastizieren“.

François Baucher und das neuere französische Reiten 

Das Reiten wie Philippe Karl es vorschlägt beruht wesentlich – jedoch nicht nur – auf den Überlegungen François Bauchers, eines französischen Reitmeisters des 19. Jhd. Bauchers Reiten basiert nicht auf der Idee der Rückenbrücke und des Spannungsbogens. Er setzt sich wesentlich mit der Frage des Verhältnisses des Pferdkörpers zur Schwerkraft auseinander, d.h. die Balance des Pferdes im Stand und in seinen Bewegungen stehen im Zentrum seiner Art zu Reiten. Dabei entwickelt Baucher eine Reitmethode, deren Ziel die Selbsthaltung des Pferdes auch unter dem Reiter ist. Das ist eine Fortsetzung der Tradition des Entlassens des Pferdes in eine „Freiheit auf Ehrenwort“, wie sie schon bei de la Guérinière im 18 Jh. im Zentrum stand. Ziel ist es also nicht, wie in der deutschen Militär-Reiterei des 19. Und 20. Jh. das Pferd „zwischen den Hilfen einzurahmen“, was letztendlich bedeutet die Hilfengebung von Schenkel, Sitz und Hand konstant aufrecht zu halten. Im Sinne einer Impulsreiterei wirkt der Reiter in Bauchers Methode nur ein um dem Pferd eine bestimmte Anweisung zu geben, d.h. eine Korrektur seines aktuellen Bewegungszustandes vorzunehmen und lässt sofort von jeder Einwirkung ab, sobald das Pferd entsprechend des Korrekturwunsches reagiert. Es versteht sich von selbst, dass eine solche Reiterei die Idee des Spannungsbogens im Rücken des Pferdes nicht verfolgen kann, da dieser den gleichmäßigen Kraftfluss durch den Rücken des Pferdes braucht, der nur durch ein permanentes gleichzeitiges Treiben und Halten des Pferdes erzeugt werden kann.

Baucher beschäftigt sich nun ganz wesentlich mit den Korrekturmaßnahmen, die dem Reiter zu Gebote stehen um dem Pferd eine bestimmte Bewegung oder Position anzuweisen. Solche Methoden kannte schon de la Guérinière, der bereits den Demi-Arret, die nach oben wirkende Halbe-Parade, einsetzte um z.B. das Pferd in seiner Kopfhaltung zu korrigieren. Mehr noch als de la Guérinière beginnt Baucher nun aber Techniken auszufeilen, die es zulassen die einzelnen Körperteile des Pferdes getrennt voneinander zu beeinflussen. So arbeitet er mit verschiedenen Abkauübungen und Flexionsmethoden um das Pferd in Kiefer-Kopf-Halsbereich zu mobilisieren und nutzt z.B. das Kruppeherein zur Mobilisierung der Hinterhand. Ganz analog zu dem was ca. 100 Jahre später Feldenkrais in Bezug auf den Menschen machen wird, nutzt Baucher – vor allem in seiner zweiten Manier – das Wechselspiel von Differenzierung und Integration um das Bewegungssystem des Pferdes für die Einwirkungsmaßnahmen des Reiters durchlässig zu machen: Die Einflussnahmen des Reiters auf das Pferd werden differenziert 1. in der Basisidee den Handeinsatz und den Beineinsatz nicht gleichzeitig sondern getrennt voneinander erfolgen zu lassen, 2. in der getrennten Mobilisation von Kiefer, Kopf, Hals/Schultern und Hinterhand, die erst im weiteren Verlauf der Ausbildung zu einer Gesamtbewegung des Pferdekörpers, bzw. des Kopplungssystems Reiter-Pferd kombiniert werden und 3. in der der Differenzierung der Bewegungen in Bezug auf die Gangarten – Baucher startet alle Neu-Bewegung im Schritt und arbeitet sich erst nach und nach über den Trab zum Galopp vor. Auch Baucher stellt zum Schluss das Pferd in einer Gesamtbewegung des Kopplungssystems Pferd-Reiter vor, allerdings ist das Pferd dann so in der Differenzierung der Bewegungselemente dieses Systems geschult, dass eben der reine Impuls des Reiters ausreicht um das Pferd in seiner Balance und seiner Bewegung zu korrigieren. Ziel all dieser differenzierten Eingriffe und Korrekturmaßnahmen ist es aber das Gleichgewicht des Pferdes gegen die Schwerkraft. Bauchers Pferd bewegt sich im Lot des Schwerpunktes einer Bewegung, d.h. es verteilt sein Gewicht auf seine vier Gliedmaßen genauso, wie eine beliebige Bewegung es verlangt. Alle Bewegung des Pferdes in Bauchers System entspricht damit der Veränderung des Basisgleichgewichts, dass das Pferd im Stand hat, wenn sich sein Körpergewicht und das des Reiters möglichst gleichmäßig auf alle 4 Beine verteilt. Von dieser Basis ausgehend verschiebt Baucher den Schwerpunkt dieses Kopplungssystems genauso, dass eine neue Bewegung möglich wird. Das aber entspricht exakt dem Vorgehen in der Alexandertechnik beim Menschen: Auch Alexander sucht das Grundgleichgewicht des Menschen im Stand zu erzeugen und entwickelt weitere Bewegungen – Gehen, Sitzen etc. – indem er dieses Grundgleichgewicht verschiebt. So beginne ich z.B. zu gehen, indem ich meinem Kopf erlaube nach vorne in den Raum zu fallen und meinem Körper erlaube dem Kopf zu folgen, seinen Fall quasi abzufangen und auf diese Weise die momentane Labilität meiner Position nach dem Verlassen des Stehens im Lot der Schwerkraft zu überführen in ein neues Gleichgewicht in der Bewegung nach vorne.

So wie es Alexanders Credo war, dass alle freie, effiziente Bewegung von einer anfänglichen Öffnung der Kopfgelenke – d.i. der Übergang zwischen zweiten Halswirbel und Atlaswirbel, sowie Atlaswirbel und Schädel – ausgeht, der dann der restliche Körper nur zu folgen braucht, so ist es Bauchers Credo, dass die für irgendeine Bewegung nötige Losgelassenheit des Pferdekörpers von der muskulären „Öffnung“, bzw. Lösung des Kiefers des Pferdes ausgeht. Alexander hätte dem wohl zugestimmt, wusste doch auch er, dass sich die Nackenmuskultur nicht öffnen, d.h. entspannen kann, wenn die Kaumuskeln des Menschen angespannt sind.

Es ist sicherlich richtig beiden Überlegungen vorzuwerfen, dass Sie den Ausgangspunkt losgelassener Bewegung zu monokausal auf die Lösung eines einzelnen Elements im Körper-/Bewegungssystem zurückführen. Feldenkrais zeigt bei seiner Arbeit am Menschen, dass Bewegung von einem jedwedem beliebigen Element des Körpersystems ausgehen kann. Die Lösung, bzw. Differenzierung des Kopfes vom Rumpf ist damit ebenso Signal/Resultat, wie Ausganspunkt leichter, effizienter Bewegung. Auch beim Pferd stimmt, dass die Losgelassenheit im Körper des Pferdes zum Resultat des gelösten Kiefers führt. Auch die deutsche Reitweise kennt in diesem Sinne das ‚Auf-dem-Gebiss-kauen‘ des Pferdes als Folge einer allgemeinen Losgelassenheit des Pferdes. Das Pferd „tritt an den Zügel“. Den Kiefer als Ausgangspunkt der Losgelassenheit anzusehen, ist also mehr Ausdruck einer spezifischen Methode um zur Losgelassenheit zu gelangen, nicht einzig möglicher Weg zu dieser. Oder wie Jean Claude Racinet es sagt – bis zu seinem Tod war er neben Karl der bedeutendste aktuelle Vertreter des Reitens in der Tradition der Légèreté -, das Resultat der Légèreté wird zu ihrem Mittel umfunktioniert. Auf diese Weise aber verfolgt die französische Reittradition, anders als die deutsche, überhaupt eine logisch aufgebaute Methode der Losgelassenheit und degradiert diese nicht zu einem Epiphänomen des Vorwärtsreitens, dass sich mit Glück einstellt, aber nicht gezielt einstellen lässt. Dort wo die französische Légèreté auf der geplanten Differenzierung der Bewegungselemente des Körpersystems des Pferdes beruht, ist sie im deutschen Reiten, wenn Sie überhaupt erreicht wird, eher Ausdruck eines Zufalls, in dem die Rechnung vom Energiekreis dann einmal aufgeht. Das Lösen des Kiefers im Reiten nach Baucher ist also zwar nicht einzig möglicher Weg zur Légèreté, aber ein zielführender Startpunkt einer schrittweisen Mobilisation des Pferdekörpers, die nach und nach alle entscheidenden Elemente von dessen Bewegungssystem erfasst: Kopf, Hals, Schulter, Hinterhand etc. Wenn die anfängliche Losgelassenheit aus der Arbeit am Lösen des Kiefers bei der Arbeit an der Mobilisation eines jeden weiteren Elementes beibehalten wird, dann ist schließlich die Leichtigkeit des Gesamtsystems auch in der integrierten Bewegung aller Elemente garantiert.

Wie Sie sehen beschäftigt sich der Légèreté-Streit mit der Auseinandersetzung zweier Systeme, die beide vorgeben, das frei und leicht unter dem Reiter gehende Pferd zum Ziel zu haben. Abstrakt ließe sich sagen, dass das deutsche System dabei auf das Prinzip Sport baut: Tempo, Kraft, gleichzeitige Aktivität aller Hauptbewegungsmuskeln des Pferdes sind seine Basis. Das andere System, die französische Reiterei baut demgegenüber auf neuromuskuläre Mobilisation, ganz analog zu der Arbeit, die Feldenkrais und Alexander am Menschen vollziehen. Dabei ist ein Pferd, dass nach der einen Reitweise geritten wird, nicht in der anderen abbildbar – und das macht die Auseinandersetzungen um die „richtige“ Art zu Reiten so schwierig. Das deutsche Pferd geht kraftvoll, energetisch, es arbeitet mit seinen großen Bewegungsmuskeln, bis es schwitzt. Das französische Pferd hingegen schwitzt zwar nicht – bzw. seltener -, aber die Bewegung fließt durch seinen Körper. Das deutsche Pferd trägt den Reiter mittels des Spannungsbogens, der durch aktive Muskelarbeit herbeigeführt wird. Das französische Pferd kann den Menschen tragen, weil der Fluss der Gesamtbewegung nirgends im Körper des Pferdes einen Halt erfährt; alle Muskeln arbeiten gerade so, wie es das Pferd braucht um seine Bewegungen auszuführen. Es ist die autochone Muskulatur von der die Bewegung hier ausgeht, nicht die großen aktiven Muskeln des Pferdekörpers. Das französische Pferd mag dem deutschen Betrachter vor dem Hintergrund seiner eigenen Reitweise deshalb in manchen Momenten „auseinandergefallen“ oder „über dem Zügel-gehend“ vorkommen. Das aber liegt daran, dass sich die deutsche Reiterei mehr am visuell-ästhetischen Sinn von uns Menschen orientiert, denn an unserem kinästhetischen Sinn. Soll heißen: Der deutsche Betrachter liebt die Größe der Muskeln des Pferdes, oder die Weite des Beinschwungs oder die Höhe der Vorhandaktion und vor allem die Rundung des Pferdehalses über das Genick (das ist bei vielen Reitern eine wahre Besessenheit). Aber das ist sehr äußerlich. Denken Sie an den Yogi: Er ist völlig durchtrainiert aber wirkt dabei klein, drahtig und letztlich sehr wenig auffällig.

Philippe Karl 

Wir haben viel vom deutschen und französischen Reiten gesprochen und dabei ein wenig vereinfachend so getan, als seien diese nationalen Adjektive Ausdruck einer jeweiligen Reittradition – dem ist natürlich nicht vollends so. Es gibt deutsche französische Reiter und französische deutsche Reiter, wenn Sie so wollen. Vergessen haben wir dabei etwas die Herren Heuschmann und Karl, deren Zerwürfnis, dass am Ende einer langjährigen Auseinandersetzung um die baucheristischen Reitvorschläge Karls aus seinen Irrwegen der modernen (deutschen) Dressur (Hinzufügung in Klammern vom Hrsg.) steht, ja unser Ausgangspunkt war. Hier angekommen, finde ich die persönliche Note dieses „Streits“ jedoch fast langweilig. Eingehen möchte ich aber auf den Vorschlag einer Reitmethode in baucheristischer Tradition, den Karl macht: Die Schule der Légèreté. Das Besondere an Karls Methode ist nicht das Abkauen im Unterkiefer, das Flexionieren des Halses oder das Schulen des Pferdes auf den Hauch der Schenkelberührung um die Impulsion des Pferdes zu erhalten. All diese Ideen stammen aus der französischen Reittradition nach Baucher. Das Besondere an der Reitlehre Philippe Karls ist, dass sie ein klares, logisch aufgebautes Regelwerk an die Hand gibt, nach dem der Reiter zu verfahren hat um die Légèreté zu erreichen. Karl sieht dabei – analog zu Baucher – die „cession de machoire“, das Lösen des Kiefers des Pferdes als Schlüssel zur Tür seiner Balance an. Diese ist aber der Hals und schließlich das Genick des Pferdes. In diesem Sinne beginnt Karl die Arbeit mit dem Pferd mit den Abkauübungen, die zunächst am Boden, dann im Stand, dann im Schritt und Trab und schließlich im Galopp mit dem Pferd geübt werden. Das Ziel ist dem Pferd beizubringen: „Was immer Du auch tust, bzw. wozu auch immer ich Dich auffordere, bleibe entspannt im Kiefer.“ Dabei ist zentral, dass das Pferd dem Zügel als Instrument der Lösung des Maules zu vertrauen lernt. Das kann es aber nur, wenn ihm der Zügel keinen Schmerz zufügt. Um das zu erreichen fordert Karl, dass der Zügel niemals nach hinten, sondern immer nur nach oben, auf den Maulwinkel des Pferdes einwirkt. Gleichzeitig will Karl dem Pferd von Anfang an den Zügel als Stütze seiner Energie entziehen. Denn das ist es was Pferde – gerade junge – unter dem Reiter allzu gerne machen: sie leiten ihr Bewegungs-Gewicht nach vorne-unten-hinten und legen sich auf den Zügel, an dem sie sich – quasi als Krücke – abstützen. Indem Karl die Abkauübungen beim Reiten mit einem halben Parade nach oben – dem Demi-Arret – verbindet, ergibt sich eine freie Haltung des Pferdes im horizontalen Gleichgewicht, bei Lockerheit im Kiefer. Anders als die deutsche Reitlehre propagiert Karl also nicht (nur) die Dehnung des Rückens in der Bewegung nach vorne-unten, die die Vorderseite des Pferdes verkürzt, sondern er nutzt umgekehrt eine Längung der Vorderseite des Pferdes um dem Pferd auch im Rücken Beweglichkeit zu verschaffen. Das Verfahren hat sich bei Menschen mittlerweile (fast) durchgesetzt: Die meisten Physio- und Körpertherapeuten wissen um die Notwendigkeit die Muskeln der Vorderseite des menschlichen Körpers – vor allem den Illiopsoas – zu öffnen um z.B. einem Hohlkreuz Abhilfe zu verschaffen, denn das Hohlkreuz entsteht eben, wenn die Streckmuskeln des Rückens, gegen eine Verkürzung der Beugemuskeln am Bauch arbeiten müssen! Es ist aber diese Aufrichtung des Halsansatzes, die die Kritiker Karls an seiner Reitmethode vornehmlich bemängeln, denn, so sagen sie, auf diese Art und Weise wird der Hals des Pferdes gestaucht und das Pferd dazu veranlasst sich als Reaktion auf das Anheben des Halses in eine Hohlkreuz zu begeben, also den Rücken nach unten durch und den Hals nach vorne heraus zu drücken. Tatsächlich gehört die Methode wohl in geübte Hände und sollte von Reitern angewandt werden, die sich ihrer Grenzen bewusst sind und die spüren, wann sich das Pferd beginnt zu verspannen. Ganz prinzipiell kann aber gesagt werden, dass Philippe Karl das Anheben des Halses nicht exzessiv, sondern als Korrekturmaßnahem einfordert und dementsprechend in seinem Unterricht auch immer wieder darauf achtete die Pferde genügend in Dehnungshaltung, d.h. mit nach vorne-unten (und nicht vorne-unten-hinten) geleiteter Energie in tieferer Halseinstellung zu reiten. Das klare Credo Karls aber ist: Neben dem Sitz, sind es vor allem die Hände, als feinfühligstes Körperwerkzeug des Menschen, die die Art und Weise des Reitens bestimmen. Der Einsatz der Hände aber muss sich zunächst das Maul des Pferdes „gefügig machen“, d.h. dafür sorgen, dass im Kiefer Lockerheit herrscht, um dann weiter Einfluss auf die Hals-Schulter-Partie des Pferdes zu nehmen. Erst ganz zum Schluss, wenn das Pferd dann willig den Hilfen des Reiters zum Abkauen und zur Stellung des Halses folgt, kann der Reiter dann auch das Nachgeben des Pferdes im Genick, die Beizäumung verlangen. DAS ist die Schule der Légèreté im Sinne Karls: Eine genau festgelegte Reihenfolge in der „Eroberung“ des Pferdekörpers durch den Reiter, die am Schluss dazu führt, dass der Reiter fähig ist dem Pferd jedwede Position, jedwede Balance zu versetzen, die für eine anstehende Bewegung benötigt wird. Das aber ist Baucherismus in Reinkultur: das Anweisen einer Position VOR der eigentlichen Aktion/Bewegung.

Wenn demgegenüber Gerd Heuschmann seinen in der Zeitschrift Pegasus erschienen, Philippe-Karl-kritischen Artikel „Vergesst Eure Hände“ nennt, so wollen wir unterstellen, dass dies Ausdruck seiner berechtigten Meinung ist, dass die Mittel Karls in geübte Reiterhände gehören, bzw. einen Reiter verlangen, der die Losgelassenheit oder Angespanntheit seines Partners Pferd zu fühlen und sein eigenes Verhalten dementsprechend entspannungsunterstützend oder -fördernd auf den Zustand des Pferdes abzustimmen vermag. Das stimmt wohl aber für jede Art zu Reiten. Eine fundamentale, prinzipiell ernst zu nehmende Kritik an Karls Ideen zum Reiten oder am Baucherismus, können diese Worte aber nicht darstellen.

Die Bedeutung des Légèreté-Streits für die Philosophie 

Wir haben die Auseinandersetzung zwischen Philippe Karl und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) betrachtet vor dem Hintergrund zweier Reittraditionen und haben sie in diesem Sinn verstanden als die Auseinandersetzung zwischen einem „Sport-System“, das das Reiten mit Begriffen wie Kraft, Energie, Spannung assoziiert und einem „Kunst-System“, dem es um Leichtigkeit, Gleichgewicht und d.h. (ver-)spannungsfreie Bewegung geht. Sport versus Kunst, Arbeit versus Spiel, Leichtigkeit versus Kraft, so könnten wir diese Gegenüberstellung weiter in metaphorischen Begriffspaaren verschieben. Dabei sollte der Brückenschlag zu den neuromuskulären Bewegungstherapien beim Menschen zeigen, dass wir es mit einem generellen, nicht auf das Gebiet des Reitens beschränkten Thema zu tun haben. So möchte ich zum Schluss dieser Darstellungen aus den Höhen und Tiefen einer „Sportart“, bzw. einer Kunstform, dieselben als Symptom einer prinzipiellen philosophischen Diskussion betrachten, die, wie wir anfangs sagten, im Untergrund schwelt, aber selten zu Tage tritt und offen geführt wird. Gemeint ist jene Auseinandersetzung auf deren einer Seite eine Leistungsgrammatik steht, die ihren Ausschließlichkeitsanspruch vor dem Hintergrund der existentiellen Grundsituation des menschlichen Lebens legitimiert. Sie findet ihren Niederschlag im Recht des Stärkeren, der Idee der Mensch sei des Menschen Wolf, ebenso wie in einer neoliberalistischen Arbeitswelt, deren Akteure wesentlich dem unmittelbaren individuellen und materiellen Erfolg verpflichtet sind. Es die Grammatik des Krieges, in dem alle Mittel recht sind um zu gewinnen. Es ist auch die Grammatik des ‚Höher-Schneller-Weiter‘, die den Wert von Handlungen an ihre materiellen Ausmaße und Geschwindigkeiten zurückbindet. Es ist die Grammatik des Zweiklangs von Effektivität – möglichst viel – und Effizienz – möglichst schnell. Es ist aber auch die Grammatik des Schmerzes, denn Soma und Psyche, Körper und Geist, die beiden Komponenten unser unmittelbaren Selbst-Erfahrung/-Beschreibung kommen in ihr nur als Mittel, nie als Zweck vor. Der Zweck bleibt materiell. Damit aber ist es auch die Grammatik des deutschen Dressurreitens, das sich also konsequenterweise aus dem Militärreiten, dem Krieg entwickelt hat. In diesem Sinne ist es schließlich nicht nur die Grammatik des durch Kraft erzeugten Spannungsbogens im Rücken des Pferdes, sondern auch die Grammatik der Rollkur, die zum Ziel des Sportlichen Gewinns, des schnellen individuellen Erfolgs, sich brutalst gegen Soma und Psyche des unterworfenen „Partners“ Pferd wendet.

Dieser Leistungsgrammatik gegenüber steht die Grammatik des Spiels. Sie ist nicht am Ziel orientiert, denn das Ziel reduziert die Möglichkeiten des Spielverlaufes auf exakt eine einzige. Das ist die Philosophie des Dressur-Sports: Alles Dargebotene wird auf die eine Möglichkeit zurückbezogen, für die es 10 Punkte gibt. Demgegenüber ist es konstitutiv für das Spiel, dass es Möglichkeiten kennt, dass es verschiedene gleichwertige Strategien zulässt und den Wechsel zwischen ihnen ermöglicht. Der Glaube an die Existenz von Möglichkeiten ist aber für das Subjekt Konstitutivum seiner Erfahrung von Freiheit. In diesem Sinne eben sagt Schiller, dass der Mensch nur dort ganz Mensch ist wo er spielt. Zum Spiel aber gehört unabdingbar die Leichtigkeit, verstanden als Abwesenheit von Fokussierung und damit letztlich von Zwang. Leichtigkeit, bzw. ihr Gegenteil, die Schwere, ist bestimmt durch den Grad der Kraft, der aufgewendet werden muss um eine bestimmte Handlung zu vollziehen, um z.B. von einem Zustand zu einem anderen überzugehen oder im Sinne des Spiels: um eine Strategie zu verfolgen. Dabei hat ein Fehlen von Leichtigkeit eine unmittelbare Auswirkung auf unser Erleben von Freiheit. Bleiben wir beim Spiel: Würden wir sagen, dass Spiel lässt uns verschiedene Möglichkeiten, wenn es sehr schwer wäre diese Möglichkeiten zu realisieren? Würden wir dann noch von einem Spiel reden? Und außerhalb des Spiels: Würden wir sagen, wir sind frei, wenn sich unser theoretisches Feld der Möglichkeiten durch die Schwere diese realiter umzusetzen quasi auf null senkte? Leichtigkeit und Freiheit hängen nicht irgendwie zusammen. Die Leichtigkeit ist das ‚Wie‘ der Freiheit. Wenn aber dieses ‚Wie‘ eben nicht als Leichtigkeit, sondern als Schwere empfunden wird, sind wir zwar ggf. prinzipiell noch frei, aber unsere Erfahrung von Freiheit wird nachgelassen haben. Und würden wir dann noch sagen, wir wären wirklich frei?

Die Leitungsgrammatik wird zu Zumutung für das Subjekt, wenn sie sich gegen dessen Soma und Psyche wendet, ganz so, wie es die Rollkur beim Subjekt Pferd tut. Sie zehrt dann die Kräfte des Subjekts stärker auf, als sie diesen Kräften Zeit lässt im Subjekt erneut zu reifen. Eine gewaltige Dysbalance des Seins, ist dann die Folge, in der die sportliche oder wirtschaftliche Beschleunigung, die, wie der Vormarsch in der Phalanx, nur eine Richtung kennt, über die Subjekte des Sports oder der Wirtschaft hinweggeht. Sport und Wirtschaft werden damit die legitimen Nachfolger des Krieges. Wie er produzieren sie dann unentwegt tote Soldaten.

Das Reiten in der Tradition der Légèreté, wenn auch heute von einem quasi-militärischen Kader – dem Cadre Noir in Saumur – hochgehalten, stammt nicht aus dem Militär, ist keine Kriegsreiterei. Ihr Begründer Baucher hat den Weg in das Militär gesucht, aber seine Reitlehre wurde schließlich von den Militärs abgelehnt. Das Reiten in der Tradition der Légèreté stammt tatsächlich aus dem Zirkus, denn hier, in einem Raum des Spiels, hatte Baucher die Freiheiten, die er brauchte, um seine Reitweise zu ergründen. Das Reiten in der Tradition der Légèreté ist also Spiel und versucht damit letztlich, ebenso wie die Körperarbeit nach Alexander oder Feldenkrais in Bezug auf den Menschen, den Weg der Leichtigkeit, d.h. der subjektiven Freiheit zu gehen. Das Pferd soll in seinem Möglichkeiten gefördert und in seiner Balance bestärkt werden, so dass es am Ende nicht im Sport brilliert, indem es den willkürlichen Vermessungen der materialistischen Welt entspricht, sondern dass es seinem innewohnenden Selbst, seiner Natur – auch unter dem Reiter – bestmöglich gerecht wird. Ein so gerittenes Pferd wird im Ideal gar nicht mehr wissen, dass es geritten wird. Es wird, im Ausdruck erhaben und weit nach Außen geöffnet, seine Bahnen stolz als freies Wesen gehen: als Symbol der Freiheit in dieser Welt.

Matthias Majors, Heubach/Lampertheim, Oktober 2012

Erster Teil

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Légèreté contra Deutsche Reitlehre Teil 1 | Pferdialog

  2. Chapeau…!
    DAS ist endlich DIE Reflexion bzw. DIE Rezension, auf die ich schon so lange gewartet habe und die ohne der mittlerweile üblichen Polemik aufwartet oder latente Schuldzuweisungen implementiert.
    Ein glänzendes Plädoyer für die Kunst des Reitens, die mit Leichtigkeit (im wahrsten Sinne des Wortes) tatsächlich den Namen „Reitkunst“ verdient, dabei der Leichtheit der Zusammenarbeit und der Harmonie von Ross und Reiter Tribut zollt und nicht das Reiten als mechanistisch-künstliche Technik propagiert, indem sie als biomechanische „Bedienungsanleitung“ fungiert und dabei unsere Pferde verdinglicht und zu „Automaten“ und befehlsempfangenden Input-Output-Aggegate degradiert, sondern die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes und die daraus resultierenden Bewegungsdynamik berücksichtigt und intergativ in die gymnastizierende Arbeit einfließen lässt.
    Kraft und Schönheit, Eleganz und Geschmeidigkeit, Stolz und Würde – mithin die Aspekte, die die Fanzination des Pferdes repräsentieren, werden durch die Légèreté ästhetisch ausdrucksvoller, erhabener und vollkommener. Die Kunst des Reitens liegt darin, dieses Potential auf spielerische Weise zu aktivieren und zu fördern – zur Freude des Reiters UND des Pferdes… Harmonie in Reinkultur.
    Danke!

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