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Die Skala der Ausbildung: Schwung

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Ähnlich wie der Begriff „Anlehnung“ ist auch „Schwung“ leicht zu missverstehen. Das liegt vor allem dran, dass umgangssprachlich – auch in der Reiterei – vieles mit „Schwung“ bezeichnet wird, das nichts mit seiner eigentlichen Bedeutung im Sinne der Ausbildungsskala zu tun hat. Was ist also genau mit dem vierten Punkt der Skala gemeint, wozu braucht man überhaupt Schwung und wie kann man ihn erreichen? Lest die Antworten auf diese Fragen im vierten Teil meiner Serie über die Skala der Ausbildung.

Was ist eigentlich Schwung
Der Schwung gehört zusammen mit Anlehnung und Geraderichten zur zweiten Phase der Ausbildungsskala, der Entwicklung der Schubkraft. Mit Schubkraft ist die Aktivität der Hinterhand gemeint: Sie soll energisch nach vorne und damit in Richtung des Schwerpunkts des Pferdes treten. Dies ist auch Voraussetzung für die letzte Stufe der Skala, der Entwicklung der Tragkraft.

Vorraussetzung für Schwung im Sinne der Ausbildungsskala ist Losgelassenheit, ein federnd schwingender Rücken und nicht zuletzt eine korrekte Anlehnung.
Schwung kann das Pferd übrigens nur im Trab und Galopp entwickeln: Im Schritt gibt es keinen Moment der freien Schwebe, weil sich dabei immer mindestens zwei Hufe am Boden befinden – deshalb zählt der Schritt nicht zu den so genannten schwunghaften Gangarten. Obwohl man im Schritt also nicht von Schwung sprechen kann, kann und soll sich ein Pferd jedoch auch in dieser Gangart mit aktiver Hinterhand und raumgreifenden Bewegungen zeigen.

Schautrab

Hier bleibt die Hinterhand deutlich zurück, das Pferd hat keinen echten Schwung.

Ein wichtiges Kennzeichen guten Schwungs ist die Richtung der Bewegung der Sprunggelenke: Sie sollen sich sofort nach dem Abfußen energisch nach vorwärts-aufwärts bewegen und nicht erst senkrecht nach oben oder gar nach hinten heraus. Wenn sich die Hinterbeine des Pferdes zum Beispiel in den Trabverstärkungen nach hinten heraus bewegen, ist dies meist ein Zeichen dafür, dass das Pferd nicht über den Rücken geht und deshalb die Verbindung von der Hinterhand nach vorne durch den gesamten Körper fehlt. Ein solcher Trab fühlt sich auch für den Reiter meist sehr unangenehm an: Das Pferd wirft ihn regelrecht bei jedem Tritt aus dem Sattel.
Bei gutem Schwung dagegen ist auch ein starker Trab noch relativ gut zu sitzen: Die Rückenmuskulatur nimmt die Bewegung der Hinterbeine weich auf – man sagt, das Pferd nimmt den Reiter in der Bewegung mit. Das geht natürlich nur, wenn der Reiter selbst locker mitschwingt und sich nicht in Becken und Rücken fest macht.

Schwung im Sinne der Ausbildungsskala ist nicht zu verwechseln mit dem natürlichen Gangvermögen, das ein Pferd mitbringt, also wie ausdrucksvoll es beispielsweise von Natur aus traben kann. Der Trab eines freilaufenden Hengstes im Imponiergehabe kann sehr beeindruckend aussehen – ist aber häufig mit viel Spannung und einem festgehaltenen Rücken verbunden. Typisch für einen solchen gespannten Imponiertrab sind so genannte Schwebetritte: Dabei wird die Schwebephase durch starke Muskelanspannung verzögert – das Pferd schwebt länger in der Luft. Man sieht solche Schwebetritte auch gar nicht so selten unter dem Reiter, zum Beispiel wenn junge Pferde in Trabverstärkungen präsentiert werden, die sie von ihrem Ausbildungsstand her noch nicht korrekt zeigen können. Beim richtig schwungvoll gehenden Pferd dagegen ist die Schwebephase zwar ausgeprägter aber nicht verzögert.

Dennoch gibt es natürlich Pferde, die mehr oder weniger Talent für schwungvolle Gänge mitbringen. Viele Ponyrassen oder auch Kaltblüter sind schon von ihrem Körperbau her weniger dafür prädestiniert, als auf einen Einsatz im Sport hin gezüchtete Warmblutpferde. Erfahrene Züchter und Ausbilder erkennen eine solche Veranlagung auch schon beim ungerittenen Pferd und bezeichnen sie manchmal als „Gangschwung“ oder einfach als „viel Gang“. Schwung im Sinne der Ausbildungsskala kann jedoch durch gute Ausbildung und sorgfältige Gymnastizierung jedes Pferd entwickeln, natürlich immer im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten.

Richtlinien für Reiten und Fahren, Bd. 1

„Schwung ist die Übertragung des energischen Impulses aus der Hinterhand auf die Gesamt-Vorwärtsbewegung des Pferdes. Ein Pferd geht schwungvoll, wenn es energisch abfußt und in der Schwebephase mit seinen Gliedmaßen gut nach vorne durchschwingt. …
Merke: Schwung ist das Ergebnis reiterlicher Ausbildungsarbeit, die zwar den natürlichen Gang des Pferdes nutzt, ihm aber die Eigenschaften Losgelassenheit, Schub aus der Hinterhand und Durchlässigkeit hinzufügt. “

Wozu brauche ich überhaupt Schwung?

Dass die Hinterbeine für den Schwung so wichtig sind, hängt mit dem Körperbau des Pferdes zusammen: Die Hinterhand mit ihren entsprechenden Gelenken ist fast alleine für die Vorwärtsbewegung zuständig. Die Vorderbeine sind dagegen ganz anders konstruiert und haben vor allem eine stützende Funktion. Deshalb sind der Impuls der Hinterbeine und seine Übertragung nach vorne so wichtig für die Qualität der Bewegung.

Wie oben bereits erwähnt, ist der Schwung und die damit verbundene Aktivität der Hinterhand eine Voraussetzung für die spätere Entwicklung ihrer Tragkraft. Wer also versammelte Lektionen reiten will, kommt um die Entwicklung des Schwungs nicht herum. Aber auch für das Gelände- und Springreiten bringt eine gute Schwungentwicklung entscheidende Vorteile: Durch die aktivere Hinterhand kann das Pferd rationeller und raumgreifender galoppieren, enge Wendungen können kontrolliert geritten und das Tempo besser reguliert werden. Nicht zuletzt wird durch die erhöhte Schubkraft natürlich auch die Sprungkraft verbessert.

Ob man auch mit einem Freizeitpferd, das gemütlich ins Gelände und ohne größere Ambitionen auf dem Platz geritten wird, am Schwung arbeiten muss, lässt sich diskutieren. Mit einem Pferd, dass losgelassen, im Takt und in guter Anlehnung geht, kann man auf jeden Fall viel Spaß haben und solange es nicht überfordert wird, wird es auch keinen gesundheitlichen Schaden nehmen. Zur Schwungentwicklung gehört allerdings auch, dass ein Pferd auf die treibenden Hilfen nicht eilig wird und die Vorderhand vermehrt belastet, sondern mit den Hinterbeinen aktiver wird und den energischen Impuls von hinten nach vorne durchlässt. Damit ist der Schwung mitentscheidend für Rittigkeit und Durchlässigkeit – erstrebenswerte Ziele auch für jedes freizeitmäßig gerittene Pferd.

Die Angst vieler Freizeitreiter, ein schwungvolles Pferd nicht gut sitzen zu können, beruht auf einem Missverständnis: Natürlich gibt es Pferde, die besonders im Trab aufgrund ausgeprägter Bewegungen stärker werfen als andere. Das ist aber eine Veranlagungssache und hat mit Schwung im Sinne der Ausbildungsskala nichts zu tun: Ganz im Gegenteil wird jedes Pferd, das mit korrektem Schwung geht, leichter und angenehmer zu sitzen.

Daran erkennt man korrekten Schwung
Schwingender Rücken
Aktiv und energisch vorwärts-aufwärts abfußende Hinterbeine
Weit nach vorne durchschwingende Hinterbeine
Deutliche Rahmenerweiterung in den Verstärkungen
Takt, Losgelassenheit und Anlehnung bleiben stets erhalten – auch in den Übergängen

So entwickelt man guten Schwung
Voraussetzung für gute Schwungentwicklung ist zunächst einmal ein losgelassenes Pferd, das psychisch wie physisch bereit ist, energievolle Bewegungen durch den ganzen Körper zuzulassen. Es braucht einen entsprechenden Trainingszustand, um körperlich zu schwungvollen Gangarten in der Lage zu sein und es muss sich unter dem Reiter wohl fühlen, damit es bereit ist, dessen Anforderungen so weit wie möglich zu folgen.

Das klassische Mittel, um den Schwung zu verbessern, sind Übergänge zwischen und innerhalb der Gangarten. Bei diesen Übergängen müssen die bisher erarbeiteten Ziele der Ausbildungsskala, also Takt, Losgelassenheit und Anlehnung erhalten bleiben. Das klingt einfacher als es ist: Wirklich gute Übergänge zu reiten, ist gar nicht so leicht. Bein antraben oder angaloppieren heben sich viele Pferde heraus, nehmen also den Kopf hoch und verlieren die Anlehnung. Beim Tempowechsel innerhalb einer Gangart geht schnell der Takt verloren und beim Durchparieren passiert es leicht, dass das Pferd sich fest macht und damit die Losgelassenheit verliert. Bei den Paraden besteht außerdem die Gefahr, dass die Hinterhand durch zu starke Zügelhilfen am Durchschwingen gehindert wird und damit der Schwung verloren geht.

Auch mit Hilfe von Handarbeit lässt sich am Schwung arbeiten: Durch Touchieren mit der Gerte oder Longierpeitsche kann man dabei die Hinterbeine zu dynamischem Abfußen und schneller Reaktion auf treibende Hilfen animieren. Im Gelände fördert bergauf reiten und klettern den Muskelaufbau der Hinterhand und damit die Fähigkeit des Pferdes zur Schwungentwicklung.

Probleme mit dem Schwung
Wichtig für guten Schwung ist das richtige Tempo: Wird das Pferd übereilt geritten, fußen die Pferdebeine schneller wieder auf und die Schwebephase, die ja mitentscheidend für den Schwung ist, wird verkürzt. Wird das Pferd durch treibende Hilfen eilig, anstatt energischer abzufußen, fehlt es ihm oft einfach noch an der nötigen Balance. Hier hilft gymnastizierende Arbeit: Vor allem Reiten auf gebogenen Linien und in korrekter Stellung und Biegung.

Aber nicht nur wenn ein Pferd zu eilig geht, sondern auch wenn es festgehalten wird, kann es keinen guten Schwung entwickeln: Wirkt der Reiter zu stark mit den Zügeln ein, blockiert er damit auch die Hinterhand. Diese Gefahr besteht vor allem bei Warmblütern mit viel Gangvermögen und Vorwärtsdrang, die für den Durchschnittsreiter oft nicht leicht zu sitzen und zu kontrollieren sind. Ein solches Pferd im angemessenen Tempo vorwärts zu reiten ist gar nicht so einfach und in engen, überfüllten Reithallen auch gar nicht immer möglich. Die Gefahr, ein solches Pferd ständig verhalten und unter Tempo zu reiten, ist deshalb recht groß. In solchen Fällen sollte man jede Gelegenheit zu einem flotten Geländeritt nutzen und vor allem im Trab nicht zwanghaft aussitzen wollen: Lieber sich selbst und dem Pferd das Leben erleichtern un dleichttraben, bis man wirklich ohne Krampf und Anstrengung zum Sitzen kommt.

Ausblick
Auf den Schwung folgt in der Ausbildungsskala als fünfter Punkt das „Geraderichten“. Auch die Reihenfolge von Schwung und Geraderichten wird immer wieder diskutiert, denn optimale Schwungentwicklung ist nur möglich, wenn das Pferd mit beiden Hinterbeinen in Richtung Schwerpunkt fußt und nicht daran vorbei. Und dies tut nur ein weitgehend gerade gerichtetes Pferd. Andererseits ist eine bereits bis zu einem gewissen Grad entwickelte Schubkraft Voraussetzung für die gerade richtende Arbeit. Dieser enge Zusammenhang kommt auch in dem berühmten und viel zitierten Satz Gustav Steinbrechts zum Ausdruck: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade!“ Auch hier wird also wieder deutlich, wie eng die einzelnen Punkte der Ausbildungsskala miteinander verknüpft sind und aufeinander beruhen. Mehr dazu lest ihr im nächsten Teil meiner Serie.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde es wirklich klasse wie schön du die einzelnen Punkte der Skala der Ausbildung erläuterst. Man merkt das du dir wirklich Gedanken machst und es so erklärst das wirklich jeder es verstehen kann. Weiter so 😉
    Liebe Grüße
    Tanita von Pferdewiese

  2. Guter Beitrag @pferdialog.de! Ich finde es auch sehr gut, wie Du die Ausbildung so ausführlich beschreibst.
    Sehr verständlich!
    Viele grüße auch von
    traenken-kaufen.de

  3. Viele Reiter nehmen ihrem jungen Pferd von Anfang an die Möglichkeit schwungvoll zu gehen. Ich finde, du hast es super erklärt Franziska. Ich hoffe, der Artikel öffnet ein paar Reitern die Augen. LG, Sandra

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