Punkt 1 der Ausbildungsskala: Der Takt

Die Skala der Ausbildung: Der Takt

Punkt 1 der Ausbildungsskala: Der Takt

So langsam ist’s mal wieder Zeit für ein bisschen Reitlehre und so beginne ich heute mit einer Serie über die Skala der Ausbildung: Los geht es natürlich mit dem Takt.

Neue Serie: Die Skala der Ausbildung
Teil 1: Einführung und Takt

Erstmals formuliert in der Reitvorschrift für die Kavallerie, muss sich noch heute jeder Reitschüler früher oder später mit den sechs Elementen der Ausbildungskala, Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und Versammlung auseinander setzen. Grund genug, die einzelnen Punkte einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Lest dazu im ersten Teil meiner neuen Serie eine Einführung in das Thema sowie alles über das erste Element der Skala – den Takt.

Die Skala der Ausbildung

Die erste Version der Skala der Ausbildung wurde im Jahr 1912 in der berühmten HDv12, der Heeresdienstvorschrift für die deutsche Kavallerie, formuliert. Im Kapitel über die „Dressur der Pferde im 1. und 2. Jahr“ werden die einzelnen Punkte erläutert – mit ein paar kleinen Unterschieden zur heutigen Fassung: Statt „Schwung“ hieß es damals noch „Entwicklung und Verbesserung des Ganges“ und zwischen den Punkten „Geraderichten“ und Versammlung“ standen damals zusätzlich die Ziele „Durchlässigkeit“ und „Beizäumung“. Ein zusätzliches Element gab es auch am Ende der Skala nach der Versammlung: Die „Aufrichtung“.

Aus dieser ersten Fassung wurden in der modernen Version der Skala der Ausbildung die sechs Punkte Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und Versammlung. Diese Begriffe bezeichnen einerseits die Grundeigenschaften und Fähigkeiten, die ein gerittenes Pferd besitzen sollte. Gleichzeitig stellt die Ausbildungsskala die einzelnen Phasen dar, die zum Erreichen dieser Ziele notwendig sind.

Diese sechs Punkte werden in drei sich überschneidende Abschnitte unterteilt: Takt, Losgelassenheit und Anlehnung werden zur so genannten Gewöhnungsphase gezählt – das junge Pferd soll sich an den Reiter und seine Hilfen gewöhnen, beim erfahrenen Pferd dient diese Phase zum Aufwärmen.
Anlehnung, Schwung und Geraderichten sind notwendig für die Entwicklung der Schubkraft. In dieser Phase soll die Hinterhand des Pferdes aktiviert werden und es soll fleißig an das Gebiss heran treten.
Schwung, Geraderichten und Versammlung schließlich sind Voraussetzung für die Entwicklung der Tragkraft. Jetzt soll das Pferd mit der Hinterhand vermehrt Gewicht aufnehmen – dadurch entstehen Versammlung und Aufrichtung und damit die Grundvoraussetzungen für die höhere Dressur.

Die einzelnen Punkte in dieser Reihenfolge gelten sowohl für die Ausbildung eines jungen Pferdes, als auch für den Aufbau einer jeden Trainingseinheit mit fortgeschrittenen Pferden: Immer müssen zunächst Takt und Losgelassenheit erreicht beziehungsweise wieder hergestellt werden, bevor man in Anlehnung reiten und an Schwung, Geraderichtung oder gar Versammlung arbeiten kann.

Die einzelnen Punkte der Skala bauen aufeinander auf, sind aber auch „von oben nach unten“ voneinander abhängig: So wird sich beispielsweise bei einem Pferd mit zunehmender Geraderichtung die Anlehnung noch weiter verbessern und mit zunehmender Versammlungsfähigkeit noch mehr Schwung entwickeln lassen.

Umgekehrt ist die Skala der Ausbildung ein guter Wegweiser, wenn beim Reiten Schwierigkeiten auftauchen: So sollte man beispielsweise bei Problemen mit der Anlehnung («Hilfe, das Pferd geht nicht am Zügel!») prüfen, ob sich das Pferd eigentlich jeder Zeit vorwärts-abwärts dehnt. Denn die Anlehnung steht in der Skala der Ausbildung hinter der Losgelassenheit, welche erst erfüllt ist, wenn man das Pferd jederzeit in die Dehnungshaltung entlassen kann.

Letztendliches Ziel der gesamten Ausbildung nach dieser Skala ist schließlich die Durchlässigkeit des Pferdes. Darunter versteht man, dass das Pferd die Hilfen des Reiters durch seinen ganzen Körper „hindurch lässt“, sie also annimmt und ihnen leicht und willig folgt. Es gibt kaum etwas schöneres, als auf einem Pferd zu sitzen, mit dem die Kommunikation so reibungslos funktioniert und bei dem man dadurch das Gefühl hat, mit ihm zu einer Einheit zu verschmelzen.

Grundlegende Basis: Der Takt
Auch in den Verstärkungen soll der Takt erhalten bleiben.

Auch in den Verstärkungen soll der Takt erhalten bleiben.

Laut den Richtlinien für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung ist Takt das räumliche und zeitliche Gleichmaß in den drei Grundgangarten. Das bedeutet, jeder Schritt, jeder Tritt im Trab und jeder Sprung im Galopp soll gleich lang dauern und gleich groß sein. Dazu gehört auch, dass das Pferd in jeder Gangart die richtige Fußfolge einhält – also im Schritt zum Beispiel nicht passartig geht oder den Galopp statt im Dreitakt im Viertakt springt.
Der Takt muss nicht nur auf gerader Linie, sondern auch in allen Wendungen, Übergängen und Lektionen erhalten bleiben. Entstehen in einer Übung Taktfehler, ist dies immer ein Hinweis darauf, das irgend etwas noch nicht stimmt – sei es die fehlerhafte Einwirkung des Reiters, sei es, dass das Pferd noch nicht weit genug ist, um die Lektion richtig ausführen zu können.
Besonders wichtig ist Takt auch für Gangpferde: Weil sie zusätzliche Gänge mit verschiedenen Fußfolgen haben, kommen sie leichter durcheinander und es schleichen sich Taktfehler ein. Bei Gangpferde-Prüfungen spielt der Takt deshalb eine besonders große Rolle. Ein Pferd, das eine oder mehrere Spezialgangarten beherrscht und gleichzeitig taktreinen Schritt, Trab und Galopp geht, gilt unter Gangpferde-Reitern als besonders wertvoll.

Den Takt kann man sehen, hören und fühlen: Im Schritt soll es ein gleichmäßiger Viertakt sein, weil das Pferd alle vier Beine nacheinander hebt und wieder absetzt. Der Trab wird als Zweitakt bezeichnet, weil sich die diagonalen Beinpaare jeweils gleichzeitig bewegen. Computermessungen haben zwar ergeben, dass Vorder- und Hinterbein auch beim taktreinen Trab meist nicht völlig gleichzeitig aufsetzen und abfußen – die Abweichung ist jedoch so gering, dass sie mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar ist. Im Galopp bewegt sich das Pferd im Dreitakt in einer Folge von Sprüngen und einer Schwebephase. Ein guter Test für die Taktsicherheit ist das Zügel aus der Hand kauen lassen – bleibt der Takt dabei in allen Gangarten erhalten, ist man auf einem guten Weg.

Nach der Reitlehre soll bei Verstärkungen innerhalb einer Gangart – also zum Beispiel im Mitteltrab oder Starken Galopp – das Pferd nur größere Schritte, Tritte oder Sprünge machen, im Takt aber nicht schneller werden. Messungen haben jedoch ergeben, dass fast alle Pferde neben der Trittweite auch ihre Trittfrequenz erhöhen.

Um den Takt eines Pferdes beurteilen zu können, ist es wichtig, die Fußfolge der einzelnen Gangarten zu kennen:

Der Schritt besteht aus acht verschiedenen Phasen, in denen sich jeweils zwei oder drei Hufe gleichzeitig am Boden befinden. Der Ablauf ist „gleichseitig aber nicht gleichzeitig“: Es beginnt das linke Hinterbein, gefolgt vom linken Vorderbein, dann kommt das rechte Hinterbein, gefolgt vom rechten Vorderbein.

Im Trab bewegen sich die diagonalen Beinpaare jeweils gleichzeitig vor. Weil das vorschwingende Beinpaar den Boden etwas später erreicht, als das abfußende diesen verlässt, entsteht dazwischen eine kurze Schwebephase. Der Trab hat deshalb vier Phasen.

Die Fußfolge im Galopp hat sechs Phasen und beginnt mit dem äußeren Hinterbein. Dann folgt gleichzeitig das diagonale Beinpaar hinten innen und vorne außen, zuletzt schwingt das innere Vorderbein nach vorne. Danach folgt ein Moment der freien Schwebe.

Taktfehler – verstehen und erkennen

Besonders gut hört man Taktfehler, wenn die Hufe auf Asphalt klappern. Auch deshalb lässt der Tierarzt Pferde auf hartem Boden vortraben, wenn es um Lahmheiten geht. Eine leichte Lahmheit zeigt sich oft nicht gleich in einem deutlichen Hinken, sondern erst einmal als Taktfehler. Und den kann man oft leichter hören als sehen. Auch deshalb gehen die Pferde bei Gangpferde-Turnieren über hölzerne Stege, auf denen das Getrappel der Hufe besonders gut zu hören ist.

Übermäßiges „Vorwärtsreiten“ führt zu übereilter Fußfolge und zu Taktstörungen. Vorwärtsreiten heißt nicht schnell reiten – vielmehr sollen die Hinterbeine des Pferdes unabhängig vom Tempo zum fleißigen und kraftvollen Durchschwingen angeregt werden. Reitet man dagegen übereilt, macht sich das Pferd im Rücken fest und verliert den Takt.

Auch eine zu starke Handeinwirkung führt häufig zu Taktfehlern wie passartiges Gehen im Schritt – dabei bewegt das Pferd die gleichseitigen Beine fast gleichzeitig statt nacheinander vor. Will man erkennen, ob ein Pferd diesen Fehler zeigt, beobachtet man am besten ein gleichseitiges Beinpaar (also zum Beispiel linkes Vorder- und Hinterbein): Der Hinterhuf muss beim Vorschwingen fast den gleichseitigen Vorderhuf berühren, so dass optisch dadurch ein „V“ oder Dreieck entsteht. Bewegen sich die beiden Beine dagegen eher parallel, ist die Fußfolge und damit der Takt eindeutig gestört.
Im Galopp entsteht durch zu starken Zügelanzug leicht der so genannte Vierschlag-Galopp. Dieser entsteht, wenn das diagonale Beinpaar nicht mehr gleichzeitig auffußt, sondern nacheinander. Der Grund: Der innere Zügel hindert das innere Hinterbein am Durchspringen, wodurch es zu früh wieder den Boden berührt. In extremen Fällen kann es dadurch sogar dazu kommen, dass beide Hinterbeine gleichzeitig auffußen.
Eine harte Hand in Kombination mit übertriebenem wechselseitigem Treiben im Schritt kann dazu führen, dass die beiden Hinterbeine unterschiedlich weit vortreten – man sagt dann: „Das Pferd geht kurz – lang“. Im Extremfall wird daraus eine so genannte Zügellahmheit.

Auch beim Zügel aus der Hand kauen lassen sollte der Takt sich nicht verändern.

Ein guter Test für die Taktsicherheit eines Pferdes ist das Zügel aus der hand kauen lassen

Auch durch Verspannung können Taktfehler entstehen, etwa wenn ein nervöses Pferd mehr zackelt als schreitet oder trabt. Ein fester Rücken kann dazu führen, dass die Hinterbeine des Pferdes nicht gleichmäßig vorschwingen. Die natürliche Schiefe des Pferdes kann ebenfalls Taktfehler zur Folge haben, besonders wenn das Pferd in Wendungen nicht gleichmäßig an beide Zügel heran tritt. Bei diesen beiden Problemen wird deutlich, wie die einzelnen Punkte der Ausbildungsskala sich gegenseitig bedingen: Mit zunehmender Losgelassenheit, dem zweiten Punkt der Ausbildungsskala, lösen sich auch Verspannungen, die zuvor Taktfehler provoziert haben. Und die natürliche Schiefe des Pferdes wird allmählich durch die zunehmende Geraderichtung, dem fünften Punkt der Skala, ausgeglichen.

Bei den Übergängen von einer höheren Gangart zur niedrigeren geht leicht der Takt verloren, wenn sich der Reiter nicht schnell genug auf den neuen Rhythmus einstellt. Wer damit Probleme hat, sollte aus dem Galopp immer wieder direkt ins Leichttraben wechseln, weil man so einfacher in den Trabrhythmus findet.

Takt fördern und erhalten

Beim jungen Pferd und beim Lösen erfahrener Pferde fördert man den Takt, indem man durch gleichmäßiges Treiben ein bestimmtes Tempo einhält, das dem Pferd leicht fällt. Jedes Pferd hat ein solches natürliches Grundtempo, das es zunächst zu finden und zu festigen gilt, bevor man beginnt, Tempowechsel zu reiten. Besonders im Schritt ist es wichtig, das freie Schreiten zuzulassen und nicht zu früh mit der Hand einzuwirken.

Das A und O ist ein ausbalancierter Sitz, um das Pferd nicht durch das eigene Ungleichgewicht aus dem Takt zu bringen. Ein ausbalanciertes Pferd bekommt nicht so schnell Taktprobleme – das zeigt sich vor allem in Wendungen, wenn das Pferd sein Gewicht umverlagern muss. Gymnastizierende Arbeit, die dem Pferd hilft, sein Gleichgewicht unter dem Reiter zu finden, ist also auch gut für die Taktsicherheit. Ein Pferd, das in seiner Ausbildung schon weiter ist und gut ausbalanciert ist, lässt sich auch durch einen schlecht sitzenden Reiter nicht mehr so schnell im Takt stören.

Auch Musik kann dabei helfen, die Taktklarheit zu verbessern – Pferd und Reiter werden automatisch versuchen, sich dem Rhythmus anzupassen und so leichter einen gleichmäßigen Takt finden. Dazu muss das Musikstück in Rhythmus und Geschwindigkeit natürlich zur jeweiligen Gangart und zum natürlichen Tempo des Pferdes passen.

Zum Weiterlesen:

 

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