Dehnübungen über die Hinterbeine

Kursbericht: Pferdemassage mit Nicole Ewald

Dehnübungen über die Hinterbeine


Durch das Buch „Illusion Pferdeostheopathie“ von Tanja Richter (siehe auch die Rezension hier auf meiner Seite), kam ich auf die Idee, dass ich gerne lernen würde, wie man selbst kleinere Verspannungen beim Pferd erkennt und beseitigen kann. Ich informierte mich also über das Angebot an Massagekursen für Pferde und stieß dabei auf die Physiotherapeutin und Osteopathin Nicole Ewald, die solche Kurse auf Wunsch auch am eigenen Stall durchführt. Nachdem die ersten Schwierigkeiten wie kurzfristige Absagen von Teilnehmerinnen und schlechtwes Wetter überwunden waren, trafen wir uns am vorletzten Wochenende für einen Vormittags-Kurs.

Nicole Ewald ist Pferdewirtin Zucht und Haltung, Tierarzthelferin und tiermedizinische Fachangestellte. Ihre therapeutische Ausbildung umfasst ein Diplom in osteopathischer Pferdetherapie nach Welter-Böller, eine Tierakupunktur-Ausbildung nach Traditioneller Chinesischer Medizin und eine Weiterbildung in Osteopatischer Akupunktur nach Dr. Yves Guray. Sie hat selbst eine Vollblutstute mit der sie Vielseitigkeit reitet.

In der ersten Stunde befassten wir uns mit Theorie, wobei es angesichts der vielen interessanten Themen rund um die Pferdegesundheit, die immer wieder zur Sprache kamen, nicht leicht war, beim eigentlichen Thema zu bleiben. Aber Frau Ewald führte uns sanft aber bestimmt immer wieder zurück zur Pferdemassage und erklärte uns zunächst die verschiedenen Massagetechniken, die beim Pferd sinnvoll sind. Dann gab sie uns einen kurzen Überblick über die Anatomie des Pferdes, wobei sie besonders auf die Lage der Faszien einging, die vor allem am Rücken des Pferdes in weiten Teilen die Muskulatur bedecken. Sie verwies dabei auch auf die Gefahren des momentan häufig zu beobachtenden „Einrenkens“, bei dem durch die langen Hebel beim Pferd ernsthafte Verletzungen entstehen können, wie beispielsweise ein Reißen der Lymphknoten im Bereich der Leiste beim ruckhaften herausziehen der Hinterbeine.
Sie wies uns auch darauf hin, wann es nicht sinnvoll ist, ein Pferd zu massieren wie beispielsweise bei ungeklärten Lahmheit. Das Problem hierbei: Kleinere Verletzungen kompensiert das Pferd durch Muskelanspannung. Löse ich diese Spannung nun durch eine Massage, kann es sein, dass das Pferd das verletzte Bein überbelastet und die Verletzung schlimmer wird – im schlimmsten Fall kann so aus einer Knochenfissur sogar eine Fraktur, also ein Bruch werden!

Dehnübungen für Pferde

Dehnübungen für Pferde

Anschließend holten die ersten drei Teilnehmer ihre Pferde. Eine junge Kabardinerstute, eine Lipizzanerstute und eine Warmblutstute. Die drei Pferde wurden zunächst mit einem Gummistriegel bearbeitet – Frau Ewald zeigt uns, wie man so schon beim täglichen Putzen die Muskulatur lockern und für bessere Durchblutung sorgen kann. Beim anschließenden Austreichen mit der Hand entlang aller großen Muskeln sollten wir auf Knoten, Knubbel und Verdickungen achten, die auf Verspannungen hindeuten. Diese bearbeiteten wir anschließend gezielt. Danach lernten wir, den Rückenmuskel aufzudehnen und konnten erstaunt beobachten, wie allein durch diese relativ simple Technik dieser Muskel beginnt zu vibrieren und zu pulsieren. Bei all diesen Techniken sensibilieserte uns Frau Ewald immer für die individuellen Besonderheiten jedes Pferdes: Je nach Muskeltonus und Empfindlichkeit sind die einzelnen Techniken für ein Pferd mehr für das andere weniger geeignet bzw. müssen entsprechend abgewandelt werden.
Anschließend zeigte uns Frau Ewald noch einige Dehnübungen, bei denen die Beine des Pferdes in verschiedene Richtungen gehalten und sanft gezogen werden – nie aber über einen Widerstand hinweg! Auch der Mähnenkamm wurde schließlich noch nach oben, derSchweif nach hinten gedehnt. Bei all diesen Übungen ließ sich gut beobachten, wie die Dehnung nicht nur im gerade bearbeiteten Körperteil, sondern jeweils fast über das gesamte Pferd wirkte. Diese Dehnungen sowie das anfängliche Ausstreichen eignen sich zum Aufwärmen vor dem Reiten. Die gezielte Massage von Verspannungen sollte man dagegen nach dem Training oder an einem Pausentag machen.
Die Pferde der zweiten Gruppe, eine Freiberger Stute, ein Pinto und ein Mix unbekannter Herkunft bekamen zum Abschluss noch eine Massage des Kaumuskels. Dieser sei – so Ewald – bei fast jedem Pferd verspannt. Ihn zu lockern sei aber gerade für das reiten sehr sinnvoll, weil ein Pferd mit festgehaltenem Kiefer auch das Genick schlecht loslassen kann. Für Pferde mit Zahnhaken ist diese Massage unangenehm, besonders wenn die Mundschleimhaut bereits verletzt ist. Dies stellte sich prompt bei einem Pferd heraus, für das Frau Ewald deshalb eine Zahnbehandlung empfahl.

Alle Teilnehmer waren sehr angetan von dem lehrreichen Vormittag, der unser Verständnis für unsere Pferde und ihren Körper ein ganzes Stück vorangebracht hat! Solltet ihr die Möglichkeit haben, an einem solchen Kurs teilzunehmen – ich kann es nur empfehlen! Selbst wenn man nicht häufig dazu kommt, die Techniken wirklich anzuwenden. Allein das bessere Verständnis für den Pferdekörper bringt einen auch reiterlich sicher wieder ein Stück weiter.

Zum weiterlesen empfahl uns Frau Ewald folgendes Buch:

Helle Katrine Kleven: Biomechanik und Physiotherapie für Pferde

Dehnübungen am Pferd

Dehnübungen am Pferd

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