Rippenbiegung im dressurmäßigen Reiten

Schulterbalance und Rippenbiegung

Rippenbiegung im dressurmäßigen Reiten

Hier kommt nun der in dem Artikel „Auf die krumme Tour: Schulterkontrolle und Rippenbiegung“ angekündigte zweite Teil, in dem es um die Rippenbiegung geht.

Der Zusammenhang mit der Rippenbiegung

Die Schulterbalance hängt eng zusammen mit der Rippenbiegung. Denn wenn ein Pferd ausbalanciert, also mit seinem Gewicht gleichmäßig auf beiden Schultern verteilt, eine gebogene Linie laufen soll, muss es sich zwangsläufig in seiner Längsachse biegen. Bliebe es im Rumpf gerade, müsste es sich wie ein Motorrad nach innen lehnen, um die Kurve zu schaffen. Diese Schräglage sieht man bei freilaufenden Pferden, sie lehnen sich in der Kurve nach innen und nehmen zum Balance-Ausgleich Hals und Kopf nach außen. Bis zu 13 Grad kann das Pferd sich schräg legen, dabei liegen die inneren Beine tiefer als die äußeren und müssen weit unter den Körper kreuzen. Die äußeren Beine schleudern nach außen weg. Ohne Reiter kommt das Pferd mit dieser Haltung noch ganz gut zurecht. Hat es allerdings das Reitergewicht auf dem Rücken, oder lässt man es beim Longieren ständig so laufen, ist sie auf Dauer höchst gesundheitsschädlich. Vor allem deshalb wollen wir beim Reiten genau das Gegenteil: Ein Pferd, das sich entsprechend der gebogenen Linie nach innen stellt und biegt und damit auch sein Gewicht gleichmäßig auf alle vier Beine verteilt. 

Wie ein freilaufendes Pferd lehnt sich dieses Pferd in der Kurve nach innen und stellt sich nach außen

Um die Kurve in Schräglage und Aussenstellung

Beinm Dressurreiten soll das Pferd in der Kurve nach innen gebogen - spurig gehen

Zum Vergleich: Dressurmäßig gebogen um die Kurve

Ist Rippenbiegung überhaupt möglich?

Der Begriff „Rippenbiegung“ ist eigentlich irreführend, denn im Bereich der Rippen kann sich ein Pferd so gut wie überhaupt nicht biegen. Das ergaben Studien US-amerikanische Biologin Dr. Nancy Nicholson von der Miami University Oxford, Ohio, die selbst Dressur bis Klasse S reitet. Sie untersuchte, wie sich die Wirbel des Pferdes bei verschiedenen Bewegungsabläufen verhalten und setzte dies in Zusammenhang mit der Aktivität einzelner Muskeln. Der Brustkorb des Pferdes ist relativ starr, weil er vor allem dazu dient, Lunge und Herz zu schützen. Da sich Pferde in freier Wildbahn fast ausschließlich auf geraden Linien bewegen, benötigen sie auch gar keine besondere Geschmeidigkeit im Rumpf. Biegsamkeit brauchen sie erst, um die vielen engen Wendungen in einer Reitbahn zu bewältigen. Denn laut Reitlehre soll sich die Wirbelsäule des Pferdes möglichst genau der gerittenen gebogenen Linie angleichen. Nach Nicholsons Forschungsergebnissen wird diese Biegsamkeit aber viel weniger in der Rumpfwirbelsäule erzielt, als bisher angenommen. Die einzelnen Wirbelkörper können sich – je nach Lage in der Wirbelsäule – nämlich nur um ein bis maximal sechs Grad gegeneinander drehen und so nur eine minimale seitliche Biegung erlauben. Am unbeweglichsten ist die Brustwirbelsäule, weil hier die starren Rippen befestigt sind. Von „Rippenbiegung“ kann also kaum die Rede sein. Woher kommt dann aber der Eindruck von Reiter und Betrachter, ein korrekt gebogenes Pferd würde sich tatsächlich entlang seiner gesamten Längsachse krümmen? Tatsächlich zieht in der Biegung die Muskulatur das innere Schulterblatt und damit das innere Vorderbein nach hinten; das äußere Vorderbein gleitet gleichzeitig an das vordere Ende des Rumpfes: Das Pferd knickt sozusagen mit seiner Vorderhand zur Seite und kommt dadurch lehrbuchmäßig um die Kurve.
Zusammen mit der tatsächlichen, wenn auch sehr geringen Krümmung der Wirbelsäule erzeugt dies beim Betrachter (und Reiter) den Anschein einer Biegung durch den ganzen Rumpf. Ob ein Pferd korrekt gebogen ist, erkennt man daran, dass es mit den Hinterhufen in die Spur der Vorderhufe tritt und dass sein Kopf auch in der Wendung auf Höhe der Brustmitte bleibt und sich nicht seitlich verschiebt.

Richtig gebogen wird das Pferd deshalb, indem Sie zuerst die Schulter des Pferdes mit Hilfe des äußeren Zügels in die Biegerichtung bewegen. Dadurch spürt das Pferd den inneren, vorne (!) am Gurt liegenden, biegenden Schenkel, dem es weich nachgeben soll.

Was jeder Reiter wissen sollte: Biegung hat sehr viel mit Muskeldehnung zu tun und diese muss erst erarbeitet werden: Die äußere Muskulatur, insbesondere die langen Rückenmuskeln, müssen nachgeben, um die Biegung zu ermöglichen. Das ist besonders auf der Zwangsseite mit ihren verkürzten Muskeln genau die Schwierigkeit für das Pferd. Biegung muss deshalb behutsam trainiert werden, beispielsweise indem anfangs nur große Wendungen geritten werden und Seitengänge nur mit geringer Abstellung verlangt werden. So wird die Muskulatur allmählich immer geschmeidiger und das Pferd damit biegsamer.

Das korrekte Laufen auf einer Kreisbahn, beispielsweise beim Longieren, erfordert vom Pferd schon eine erhebliche Dehnfähigkeit der äußeren Muskeln und Bänder und eine gute Schulterbalance. Gerade junge Pferde sollten deshalb nicht zu lange und vor allem nicht in überhöhtem Tempo longiert werden. Wie man dem Pferd das korrekte Laufen auf dem Longenzirkel beibringen kann, ohne ihm gesundheitlich zu schaden, erfährt man beispielsweise im Longenkurs von Babette Teschen. Hier lernt das Pferd durch ganz gezielte Führübungen auf gebogener Linie zu gehen, ohne auf die innere Schulter zu fallen. Erst wenn es das neue Bewegungsmuster verinnerlicht hat, geht man allmählich auf Distanz, bis das Pferd schließlich gebogen und ausbalanciert an der Longe geht.

Schulterherein an der Hand

Die Dehnung der äußeren Muskulatur übt man beispielsweise mit Schulterherein an der Hand

Genau wie für die Schulterkontrolle ist auch für die Biegung und Dehnung der äußeren Seite des Pferdes das Schulterherein eine Schlüssel-Lektion. Viele Ausbilder üben deshalb schon früh das Schulterherein an der Hand: Dabei wird die Rumpfmuskulatur des Pferdes gedehnt, es kann seine Schultern immer freier bewegen und sich dadurch immer besser biegen. Besonders zu Beginn darf das Schulterherein nur mit geringer Abstellung auf drei Hufschlägen geübt werden, weil Muskeln und Bänder sonst schnell überdehnt werden. Beim Schulterherein auf vier Hufschlägen können sich nach den Erkenntnissen von Nancy Nicolson sogar die seitlichen Dornfortsätze der Wirbel in die Quere kommen – und das ist äußerst schmerzhaft.
Um die Biegungsfähigkeit unter dem Reiter zu trainieren, schwört Nicholson auf Quadratvolten: Durch den ständigen Wechsel zwischen enger Wendung und Geradeaus setze das Pferd seine diagonalen Beinpaare mal enger, mal weiter. „Das dehnt und trainiert die Rumpfmuskulatur“, so Nicholson. Um zu verhindern, dass die Hinterhand nach außen ausweicht und sich das Pferd so der Biegung entzieht, kann man die Quadratvolte anfangs in einer Ecke der Bahn reiten, so dass man zumindest an zwei Seiten eine äußere Begrenzung hat. Oder man legt sich die Quadratvolte mit Dualgassen und sorgt so dafür, dass das Pferd in der Spur bleibt.

Sträubt sich ein Pferd dauerhaft gegen Lektionen mit engen Wendungen, sollte es vom Tierarzt gecheckt werden, denn dann liegen möglicherweise anatomische Ursachen vor. So muss beispielsweise das innere Hinterbein in einer korrekten Wendung sehr viel Last aufnehmen und wenn es hier beispielsweise im Sprung- oder Hüftgelenk ein Problem gibt, hat das Pferd dabei einfach Schmerzen.

Zum Weiterlesen:

Dr. Nancy Nicholson: BioMechanical Riding and Dressage: A Rider’s Atlas, Zip Publishing 2006.
Die Ergebnisse von Dr. Nicholsons Forschungen wurden bisher leider nur auf Englisch veröffentlicht.

Außerdem interessant zum Thema:

Heuschmann, Gerd: Balanceakt. in dubio pro equo, Wu Wei Verlag 2011.

Lehmann, Corinna: Bausteine Dressurreiten. Trainingswege Schritt für Schritt, Müller Rüschlikon Verlag 2009.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Schulterkontrolle und Rippenbiegung | Pferdialog

  2. Supergut erklärt, finde ich auch. Philippe Karl reitet auch in seinen Schulungsvideos solche Quadratvolten und sagt, dass man auf der schwachen Hand mit Außenstellung und Quadratvolten viel erreichen kann, das ist ja interessant – er begründet das dort nämlich nicht so ausführlich. Verstanden! :)

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