Wann kann ich reiten?

Reiten und Hermeneutik

Wann kann ich reiten?

Huch, was will die da am Montag-Morgen von uns – Hermeneutik? Ich hoffe das Fremdwort im Titel schreckt nicht vom Lesen ab, aber es schwirrt mir gerade im Kopf herum und beschreibt so genau das, worüber ich schreiben möchte. Mir selbst ist dieses Wort am Anfang meines Studiums begegnet – im „hermeneutischen Zirkel“. Damit ist gemeint, dass man sich einem neuen Thema immer nur allmählich und schrittweise oder auch spiralförmig annähern kann, dass es keinen direkten Weg zu sofortigem, umfassendem Verständnis eines Sachverhalts gibt. Und das kennen wir doch alle vom Reiten…
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Wenn ich von einem Thema noch nichts weiß, habe ich aber doch meistens ein erstes Bild, ein Vorurteil davon. Ein Beispiel: Ein Reitanfänger bekommt von seinen Freunden einen Gutschein für drei Einzelreitstunden geschenkt. Er freute sich und fragte: Reichen denn drei Reitstunden, um reiten zu lernen? Jemand antwortete: „Ja klar – eine für Schritt, eine für Trab eine für Galopp.“ (Dieser Dialog hat wirklich stattgefunden!) Jeder, der reitet, weiß wie absurd das ist. Jemand der überhaupt nichts davon versteht, hat aber möglicherweise ein solches erstes Bild: Das Pferd hat drei Gangarten und wenn ich die erst einmal beherrsche, dann kann ich reiten. Wenn dieser Reitanfänger nun seine erste Reitstunde antritt, beginnt für ihn der hermeneutische Zirkel: Er wird feststellen, dass es da oben auf dem Pferd viel mehr schaukelt und rüttelt, als er sich vorgestellt hat und dass er zunächst einmal lernen muss, mit der Bewegung mitzugehen und die Balance zu halten. Er wird erfahren, dass es ziemlich komplizierter ist, ein Pferd in Tempo und Richtung zu bestimmen, dass es nicht reicht, „Hü“ und „brrr“ zu sagen oder am linken beziehungsweise rechten Zügel zu ziehen… Er bekommt eine erste Ahnung davon, was reiten ist oder sein kann. Nehmen wir an, der Reitschüler hat nach ungefähr einem Jahr gelernt, zügelunabhängig zu sitzen, er kann in allen drei Gangarten die Balance halten und seinem Pferd vermitteln, in welchem Tempo es wo hingehen soll. Wahrscheinlich denkt er jetzt: „Ich kann reiten.“

Tatsächlich ist der Reiter nun in der Mitte eines ersten hermeneutischen Zirkels angekommen, ich würde diesen mit dem Titel „Grundverständnis vom Reiten“ bezeichnen. An diesem Punkt stellt sich die die Frage, ob wir bereit sind, auf einer neuen Ebene wieder zum Anfänger zu werden; die (Vor-)urteile über das was wir zu diesem Zeitpunkt glauben, was Reiten ist, loszulassen und einen neuen hermeneutischen Zirkel zu betreten. Aus der Kampfkunst kenne ich den Begriff des „Anfängergeists“: Wer denkt, er kann schon alles, ist meist nicht mehr offen dafür, noch etwas dazu zu lernen. Nur wer sich den „Anfängergeist“ bewahrt, ist bereit, seine Vorurteile davon „wie etwas ist oder funktioniert“ fallen zu lassen und Neues anzunehmen.

Der Prozess des Lernens und Verstehens besteht aus

1. der Bildung von Vorurteilen (Vorwegnahmen) und Vermutungen über den Sinn und das Wesen einer Sache

2. Die Erarbeitung einer Sache durch Ausprobieren, Lernen und Erfahrungen.

3. Die Weiterentwicklung beziehungsweise Änderung des ursprünglichen Vorwissens (Voraussetzung: die Bereitschaft zur Revidierung der eigenen Vorurteile = Anfängergeist!)

Das dies nicht so einfach ist, zeigt sich für mich auch immer wieder am Unverständnis von Nichtreitern daran, dass ich nach über 30 Jahren  immer noch Reitstunden nehme: „Du kannst das doch schon längst, warum brauchst du immer noch Unterricht?“ Ich antworte dann immer, dass auch ein Olympiateilnehmer einen Trainer hat und auch ein Konzertpianist sich immer noch von einem Meister korrigieren lässt. Interessanterweise sehen das die meisten ein. Das Spannende ist ja: Je tiefer man in die Materie eintaucht, desto mehr erkennt man, was alles noch dahinter steckt, wie komplex die ganze Sache ist und wie viel man noch nicht weiß oder kann!

Beim Reiten geht es uns doch oft so: Wir denken wir haben eine Sache verstanden und beherrschen sie. Ein oder zwei Jahre später haben wir ein Schlüsselerlebnis das uns zeigt: JETZT haben wir es erst richtig verstanden, es hat doch noch mehr darin gesteckt, als wir anfangs dachten und von dem wir nichts geahnt hatten! Ein schönes Beispiel dafür ist für mich das Verständnis von der Bedeutung des äußeren Zügels:

Der Reitanfänger zieht links, wenn er nach links will und rechts wenn er nach rechts will. Recht bald macht er die Erfahrung: Seltsam, wenn ich links ziehe, geht das Pferd trotzdem nach rechts, es bricht über die Schulter aus und das wird schlimmer, je doller ich ziehe. Sein Reitlehrer wird ihm nun hoffentlich vermittelt, wie und warum er dies mit Hilfe des äußeren Zügels verhindern kann. Der Schüler wird hoffentlich das ein oder andere Schlüsselerlebnis haben: Beispieslweise bricht ihm das Pferd an der offenen Zirkelseite nach außen aus und er kann dies mit Hilfe des äußeren Zügels verhindern. So war es übrigens bei mir: Ich ritt auf einem Schulpferd, das ohne äußeren Zügel nicht auf der Zirkellinie zu halten war: ein großes Schlüsselerlebnis! (Damals ritt ich übrigens schon über 10 Jahre…!). Wir denken nun: Super, jetzt habe ich endlich verstanden, was meine Reitlehrerin immer mit diesem „äußeren Zügel“ meint. Mit der Zeit merken wir jedoch, das dies erst der Beginn des hermeneutischen Zirkels „Äußerer Zügel“ war: Unsere Reflexe spielen uns Streiche und bringen uns immer wieder dazu, am inneren Zügel zu ziehen, sei es, wenn wir um die Kurve wollen, sei es, um den Pferdekopf im Schulterherein nach innen zu bekommen. Obwohl wir dachten, wir hätten das Prinzip längst verstanden, müssen uns unsere Reitlehrer doch immer wieder erinnern: „Nicht am inneren Zügel ziehen!“, „innen loslassen!“, „Äußerer Zügel fehlt!“…. Im besten Fall haben wir immer wieder Schlüsselerlebnisse, die uns die Funktion des äußeren Zügels deutlich machen und uns allmählich ein immer tieferes Verständnis und in die Mitte des hermeneutischen Zirkels bringen. Ein Reitlehrer sagte einmal zu mir: „Wenn sie den äußeren Zügel wirklich verstanden haben, ziehen sie nie mehr am inneren Zügel!“ Tja, da bin ich leider noch nicht angekommen…. Unterwegs gibt es ja auch Abzweigungen, Irrwege und Rückschritte: So bewirkte eines meiner Schlüsselerlebnisse, dass ich es mit dem äußeren Zügel eine Zeitlang übertrieb: Ich kam zwar prima mit dem äußeren Zügel um die Kurve, verhinderte dabei aber Stellung und Biegung des Pferdes…

Der Lernprozess (nicht nur beim Reiten) besteht für mich aus Stufen, sozusagen einer hermeneutischen Leiter: Man erreicht zunächst ein gewisses Grundverständnis, ein Basiswissen, aufgrund dessen man überhaupt erst verstehen kann, was es noch alles zu lernen gibt. Auf dem weiteren Weg erreicht man immer wieder solche Zwischenplateaus, auf denen man denkt, „Jetzt habe ich es verstanden“ oder auch „Jetzt bin ich ein guter Reiter“. Bewahrt man sich den Anfängergeist, kommt gleichzeitig mit der neuen Stufe die Einsicht, dass das Thema noch komplexer ist, als man ursprünglich annahm, wie viel es noch zu lernen gibt und wie wenig man im Bezug darauf doch eigentlich erst kann oder weiß. Und man macht sich auf den Weg zur nächsten Stufe.  

Ich selbst habe diesen Prozess schon viele Male durchlaufen: Schon oft dachte ich: „Ich kann gut reiten“. Dann kam ein neuer Reitlehrer, ein anderes Pferd, eine andere Reitweise, oder auch nur das Bewusstsein für ein Sitzproblem, eine Hürde auf dem Ausbildungsweg oder einfach eine neu zu erlernende Übung, die mir wieder bewusst machte, was ich alles noch nicht kann. Zum Glück frustriert mich das heute nicht mehr, sondern ich freue mich darüber, dass es noch so viel zu lernen gibt und dass das Reiten eine so spannende Angelegenheit mit so vielen Herausforderungen ist!

Wie geht es euch damit?

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,

    finde mich im obengenannten Artikel voll wieder.
    Da gibt es einen so schönen Spruch, wie:
    „… ein Reitanfänger sagt , er kann reiten, und ein fortgeschrittener Reiter/Berufsreiter sagt, er wird wohl nie richtig reiten lernen…“. Je mehr man weiß, desto mehr weiß man eben noch nicht. Ich bin schon älter, habe erst nach 40 Jahren als Wiedereinsteiger angefangen – leider kann man alte Verhaltensmuster nicht so schnell „überschreiben“- sprich, man macht trotz theoretischem Verständnis einige Fehler immer wieder neu. Typisch auch eben das Verständnis und die Umsetzung mit dem äußeren Zügel.
    Ich ärgere mich im Nachhinein immer noch tierisch über mich selber, wenn es mal wieder nicht so recht klappte – obwohl ìch dachte, ich kanns- diesen Punkt muss ich überwinden. Der Artikel zeigt mir, es geht auch anderen so- man bleibt ein ewig Lernender.
    Danke.

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